Stimulation des orbitofrontalen Kortex verbessert Stimmung bei depressiven Patienten


  • Michael Simm
  • Studien – kurz & knapp
Der Zugang zum gesamten Inhalt dieser Seite ist nur Angehörigen medizinischer Fachkreise vorbehalten. Der Zugang zum gesamten Inhalt dieser Seite ist nur Angehörigen medizinischer Fachkreise vorbehalten.

Kernbotschaft

Mittels direkter neurophysiologischer Ableitungen ist es gelungen, eine verbesserte Stimmung bei Personen mit einer Depression zu dokumentieren, nachdem diese eine direkte elektrische Stimulation des lateralen orbitofrontalen Kortex erhalten haben. Die Verbesserungen korrelierten mit höheren Stromstärken.

Hintergrund

Depressionen und andere Gemütserkrankungen sind laut Statistiken der WHO für das Jahr 2015 die zweithäufigste Ursache für Behinderung und nicht tödliche Erkrankungen und die wichtigste Ursache der annähernd 128.000 Suizide, die jährlich in der EU verzeichnet werden. Etwa einem Viertel aller Patienten kann mit den verfügbaren Therapien nicht geholfen werden. Als invasiver Eingriff wurde die tiefe Hirnstimulation im Striatum oder limbischen System bisher nur bei einer sehr kleinen Zahl von therapierefraktären psychiatrischen Patienten erprobt, wogegen der orbitofrontale Kortex (OFC) zwar als relevant für die Stimmung erkannt wurde, als Zielgebiet aber weitgehend unerforscht ist.

Design

Die Forscher untersuchten 25 Epilepsie-Patienten, denen man zur Lokalisation der Anfallsherde intrakraniell Elektroden implantiert hatte. Die anfängliche Ausprägung der Depression reichte von leicht bis schwer. Während der Elektrokortikographie wurde dann über mehrere Tage hinweg mit einem validierten Fragebogen die Stimmung der Teilnehmer erfasst mit dem Ziel, neurophysiologische Korrelate von Stimmungsänderungen zu erfassen. Als Maß für die Stimmung diente ein „composite mood score“ (CMS), der sich zusammensetzte aus der Quantifizierung des Patientenberichtes und der Valenz der benutzen Worte.

Hauptergebnisse

  • Bei der Exploration verschiedener Hirnregionen und einer großen Breite von Stimulationsparametern (0,2 – 100 Hz, Puls von 100 – 1000 µs, 1 – 10mA, Dauer 1 – 200 s) gab es im Allgemeinen keine Stimmungsänderungen außer gelegentlicher Dysphorie und anderer Unannehmlichkeiten nach Stimulation der Amygdala.
  • Nur bei der Stimulation des lateralen OFC (100 Hz, Puls 100µs, 1 oder 6 mA, Dauer 100 – 200 s) zeigten die verbalen Berichte der Probanden oftmals eine deutliche Verbesserung der Stimmung.
  • Diese Verbesserungen wurden in den CMS-Werten reflektiert, die sich im Vergleich zu den unter Scheinstimulation gemessenen Ausgangswerten bei fast allen Versuchsteilnehmern verbesserten, für das gesamt Kollektiv aber die statistische Signifikanz verfehlten (p=0,06).
  • Bei Probanden mit moderaten oder schweren Depressionen war die Verbesserung laut CMS signifikant (p=0,05) und mit größeren Stromstärken deutlicher als mit schwächeren Stromstärken.

Klinische Bedeutung

Die hier applizierte Variante der direkten Hirnstimulation verändert Netzwerke, die an der Verarbeitung von Stimmungen beteiligt sind und identifiziert damit ein neues Zielgebiet mit hohem therapeutischem Potenzial. Allerdings wurde hier nicht die Schwere von Depressionen gemessen bzw. deren Änderung, sondern es wurde aus dem Gebrauch von mehr oder weniger positiven Wörtern auf die Stimmung der Patienten geschlossen – mit Effekten an der Grenze zu Signifikanz. Inwiefern mit der Stimulation des mutmaßlichen neuen Zielgebietes klinisch relevante Effekte erzielt werden könnten, wie lange diese anhalten, und welche Nebenwirkungen zu erwarten wären sind Fragen, die nur in qualitativ hochwertigen klinischen Studien geklärt werden können.

Finanzierung: Defense Advanced Research Projects Agency (DARPA).