Stillen mit HIV-Infektion: vom No-Go zur individuellen Lösung


  • Dr. Stefanie Reinberger
  • Medizinische Nachrichten
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Kernaussagen

  • Bislang raten die Leitlinien aller Industrieländer davon ab, bei einer HIV-Infektion zu stillen.

  • Unter gewissen Voraussetzungen wie einer vollständig unterdrückten Viruslast und engmaschiger Kontrolle kann Stillen aber möglich sein, wenn eine Mutter das wünscht.

Hintergrund

Für HIV-positive Mütter gilt bislang die Empfehlung, auf das Stillen zu verzichten, um eine Transmission auf das Kind zu verhindern. Nach der Ansicht Schweizer Experten halten sich Vor- und Nachteile des Stillens bei HIV-Positiven die Waage – sofern die Mutter während der gesamten Schwangerschaft unter antiretroviraler Therapie steht und virologisch supprimiert ist. Die Leitlinien der Eidgenossen sehen daher eine partizipative Entscheidungsfindung vor. Und auch in den Deutsch-Österreichischen Leitlinien heißt es: „Sollte eine HIV-positive-Mutter in Deutschland/Österreich entgegen der Empfehlung stillen wollen, ist ein individualisiertes Vorgehen erforderlich.“

Hauptpunkte

  • Aus den westlichen Industrieländern gibt es bislang keine Studien zum Stillen HIV-positiver Mütter.

  • 2017 ergab eine Metaanalyse bei Stillenden, die in der Schwangerschaft und Stillzeit antiretroviral behandelt wurden, eine Mutter-Kind-Übertragungsrate von 1,08 % (95% CI 0,32-1,85)

  • In einer südafrikanischen Studie erhielten die gestillten Kinder 18 Monate lang Nevaprine als Prophylaxe. Die Übertragungsrate lag hier bei 0,3% (95% CI 0.1-0.8) nach sechs Monaten und 0,7% (95% CI 0.3-1.4) nach zwölf Monaten Stilldauer.

  • Allerdings müssen eine Übertragung unterhalb der Nachweisgrenze und damit eine diagnostische Lücke bei der Überwachung diskutiert werden. Außerdem kann auch die Übertragung mütterlicher Zellen durch das Stillen ein Risiko darstellen.

  • Ob die mütterliche antiretrovirale Therapie einen Effekt auf das Kind hat, ist nicht untersucht. HIV-Medikamente sind in unterschiedlichem Maße milchgängig. Besonders niedrig ist der Spiegel bei Proteaseinhibitoren. Für einige neuere Substanzen liegen noch keine Daten vor. Kommt es zu einer Übertragung beim Stillen, könnte eine Mehrklassenresiszenz die Folge sein. Ein engmaschiges Monitoring ist daher notwenig, um eine Infektion des Kinder möglichst schnell zu entdecken.

  • Laut einer Empfehlung aus der Schweiz zählt zum notwendigen Monitoring

    • eine frühzeitige Entscheidungsfindung für das Stillen;

    • eine dauerhaft supprimierte Viruslast der Mutter;

    • monatliche Visiten und Kontrolle der Viruslast;

    • ein detailliertes Monitoring des Säuglings bis zum 18. Monat;

    • im Fall einer Mastitis sollte die Mutter umgehend vorstellig werden;

    • Steigt die Viruslast der Mutter auf >50 Kopien/ml, sollte umgehend abgestillt werden.

Klinische Bedeutung

Entgegen bisherigen Empfehlungen entscheiden sich immer mehr HIV-positive Mütter dafür, ihr Kind zu stillen. Dafür werden konkrete Handlungsempfehlungen benötigt. In Deutschland gaben 15 HIV-Zentren an, bereits Erfahrungen mit stillenden Patientinnen zu haben. Diese Fälle sollen jetzt in einer retrospektiven Studie ausgewertet werden. Wünschenswert ist jedoch auch eine prospektive Studie, um die Versorgung stillender Mütter und ihrer Kinder zu verbessern.