Sterben im Krankenhaus: Trend rückläufig, aber nicht bei über 80-Jährigen


  • Dr. med. Thomas Kron
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

In vielen Ländern nimmt der Anteil derer, die im Krankenhaus sterben, seit Jahren ab. Bisher dachte man, dass dies für alle Altersgruppen gilt. Menschen ab einem Alter von 80 Jahren sind von der Entwicklung allerdings ausgenommen. 

Hintergrund

Ihre letzten Stunden möchten die meisten Menschen zu Hause verbringen – zusammen mit ihren Partnern und der Familie – und nicht im Krankenhaus, wie es heute oft noch der Fall ist. Doch die Trendwende ist eingeleitet, wie eine neue Studie des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung (MPIDR) in Rostock zeigt. 

Design

In ihrer retrospektiven Register-basierten Studie zeichnen die Wissenschaftler die Entwicklung der Krankenhaussterblichkeit in Dänemark zwischen 1980 und 2014 nach. Zu diesem Zweck analysierten sie Statistiken zu allen Frauen und Männer ab 50 Jahren, die in diesem Zeitraum starben (N = 1.834.437).

Hauptergebnisse

  • Nach Auswertung von insgesamt rund 1,8 Millionen Datensätzen ergab sich: Während 1980 insgesamt 56 Prozent der Männer in der Klinik starben, waren es 2014 nur noch 44 Prozent; bei den Frauen sank der Anteil im selben Zeitraum von 49 Prozent auf 39 Prozent. 
  • Den größten Rückgang gab es bei den 50- bis 59-Jährigen: Während 1980 zwei Drittel (66,3 Prozent) aus dieser Altersgruppe in einer Klinik starben, waren es 2014 weniger als die Hälfte (48,9 Prozent).
  • Der rückläufige Trend setzte sich bis zum Alter von 79 Jahren fort und kam bei den 80- bis 89-Jährigen zum Stillstand. In der letztgenannten Gruppe starben heute rund 40,2 Prozent im Krankenhaus – ein Anteil, der sich seit 1980 kaum verändert hat. Einen enormen Anstieg gab es mit rund 23 Prozent bei den über 90-Jährigen. 
  • An einer Herz-Kreislauf-Erkrankung, einer der häufigsten Todesursachen, starben in den jüngeren Altersgruppen mehr Frauen als Männer im Krankenhaus. Der Unterschied verlor sich mit etwa 70 Jahren und kehrte sich dann um: Vom 80. Lebensjahr an überwog der männliche Anteil bei den kardiovaskulären Sterbefällen in der Klinik.
  • In der alten Bundesrepublik Deutschland erreichte der Anteil der Krankenhaussterbefälle im Jahr 1980 mit 55 Prozent aller Todesfälle einen Höchstwert, 2016 waren es 46 Prozent.
  • Personen mit mittlerem und hohem Einkommen sind stärker gefährdet, im Krankenhaus zu sterben, als Bezieher niedriger Einkommen. 
  • Wo ältere Menschen sterben, hängt zudem stark davon ab, ob sie verheiratet sind oder nicht. Im Durchschnitt sterben mehr verheiratete Menschen im Krankenhaus als Unverheiratete, doch bei den über 90-Jährigen trifft es zunehmend die Unverheirateten. 
  • Risikosteigernd seien darüber hinaus mehrere Krankenausaufenthalte binnen eines Jahres, sagt Erstautorin Angela Carollo vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung.
  • Todesursache Nummer eins im Klinikbereich sind Atemwegserkrankungen, vor allem bei den ältesten der alten Menschen. Auf den Plätzen folgen Schlaganfälle und Krebs, wobei die Krebssterblichkeit seit 2005 den stärksten Rückgang aufweist. Keine Angaben macht die Studie über Sterbeorte jenseits der Klinik.

Bedeutung

Die Ergebnisse der Studie spiegeln nach Einschätzung der Autoren die Entwicklung in weiten Teilen Europas und Nordamerikas wider und sind insofern von internationaler Bedeutung. Auch in Ländern wie den USA, Großbritannien oder Belgien gelinge es zunehmend, Patienten einen Tod zu Hause, im Hospiz oder an einem anderen selbstgewählten Ort zu ermöglichen, so Erstautorin Angela Carollo in einer Mitteilung des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung.

Als Alarmsignal werten die Rostocker Wissenschaftler die Entwicklung bei den über 90-Jährigen. „Sie sind nicht nur die gebrechlichste, sondern in vielen Ländern auch die am schnellsten wachsende Bevölkerungsgruppe", sagt Angela Carollo. Mit ihren Ergebnissen verbinden die Rostocker Forscher einen Appell an die politischen Entscheidungsträger. Carollo: „Jetzt kommt es darauf an, die Versorgung auszubauen und die gesetzlichen Regelungen anzupassen. Wir sollten Hochaltrigen ein Leben zu Hause oder in einer guten Pflegeeinrichtung ermöglichen und ihnen unnötige Krankenhausaufenthalte kurz vor dem Tod ersparen.“