Statistik-Kompetenz angehender Ärzte soll weiterhin Optimierungspotenzial haben


  • Dr. med. Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten
Der Zugang zum gesamten Inhalt dieser Seite ist nur Angehörigen medizinischer Fachkreise vorbehalten. Der Zugang zum gesamten Inhalt dieser Seite ist nur Angehörigen medizinischer Fachkreise vorbehalten.

Kernbotschaften

Ein neu entwickelter Schnelltest von Berliner Wissenschaftlern zeigt, dass viele Medizinstudenten und auch Lehrkräfte nicht genug von Statistik verstehen. Das mangelnde Wissen soll allerdings rasch zu erwerben sein. 

Hintergrund

Erfahrungswissen klingt gut, klingt vertrauenserweckend, Patienten schätzen diese ärztliche Eigenschaft sehr. Aber Erfahrungswissen produziert manchmal Fehler. Überspitzt formuliert: Man kann etwas auch 30 Jahre lang falsch machen. Der aufgeklärte Mensch verlässt sich daher lieber auf Statistiken und wissenschaftliche Studien. Das schon oft diskutierte Problem: Nicht jeder, der statistische Angaben verstehen sollte, versteht sie auch. Dies gilt auch für Ärzte, wie unter anderen der Berliner Risikoforscher Professor Gerd Gigerenzer schon häufiger kritisiert hat. Nur ein Beispiel sei das unzureichende Verständnis von Angaben zu einem Risiko, ein anderes Beispiel die Gleichsetzung von Korrelation mit Kausalität. Auch der P-Wert wird immer wieder falsch verstanden. Hinzu komme, so Gigerenzer, die unzureichende Kommunikation von statistischen Angaben und Studienergebnissen im Gespräch mit Patienten. Medizinische Statistik ist zwar seit Jahrzehnten Bestandteil des Medizinstudiums, zählt aber eher selten zu den Fächern, denen sich Medizinstudenten mit besonders großer Hingabe widmen - mit den oben beschriebenen Folgen. Eine aktuelle Untersuchung von Gerd Gigerenzer und seinen Mitarbeitern spricht dafür, dass sich dies offenbar noch immer nicht ausreichend geändert hat. 

Design

Um die Statistik-Kompetenz von Medizinern messen zu können, haben die Wissenschaftler des Harding-Zentrums für Risikokompetenz am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung einen Schnelltest entwickelt. Mit zehn Multiple-Choice-Fragen wird dabei die Fähigkeit, Risiken einzuschätzen und Wahrscheinlichkeiten zu verstehen, sowie das Verständnis zentraler Begriffe aus der Medizinstatistik geprüft. „Die Fragen basieren auf Situationen aus der ärztlichen Praxis. In einem guten Gesundheitssystem müsste jede Medizinerin und jeder Mediziner diese Fragen richtig beantworten können“, sagt laut einer Mitteilung Mirjam Jenny, Erstautorin der Studie und leitende Wissenschaftlerin am Harding-Zentrums für Risikokompetenz. 

Für die Beobachtungsstudie haben 169 Medizinstudenten und 16 Lehrkräfte den Test durchgeführt. Die Studenten standen kurz vor ihrem Abschluss an der Charité Berlin, die Lehrkräfte waren Professoren und erfahrene Dozenten, die eine Fortbildung an einer deutschen Universität besuchten. Für alle war die Teilnahme an dem Test freiwillig und anonym. 

Hauptergebnisse

Die Studenten beantworteten im Durchschnitt nur die Hälfte, die Professoren und Dozenten rund 75 Prozent aller Fragen richtig. 

Nachdem die Studenten den Test zum ersten Mal durchgeführt hatten, nahmen sie an einem Kurs teil, in dem mit theoretischem Input und praktischen Übungen medizinische Statistik gelehrt wurde. Anschließend führten sie den Schnelltest erneut durch. Dieses Mal beantworteten sie im Durchschnitt 90 Prozent aller Fragen richtig.

Klinische Bedeutung

„Diese Studie zeigt, dass Statistik in der medizinischen Lehre immer noch vernachlässigt wird – das muss sich ändern. Wenn angehende Ärztinnen und Ärzte Statistiken missverstehen, werden sie falsche Informationen auch an ihre Patientinnen und Patienten weitergeben“, sagt Gerd Gigerenzer, Coautor der Studie und Direktor des Harding-Zentrums für Risikokompetenz.

Die Studie konnte nach Angaben der Autoren aber auch klar zeigen, dass man diese Lücke an statistischem Wissen bei Medizinstudierenden leicht schließen kann. Niklas Keller, Coautor der Studie, unterrichtet Medizinstudenten in der Interpretation und Kommunikation medizinischer Statistiken. „Mit mangelnder Statistikkompetenz müssen wir nicht leben“, sagt er. „Bereits ein 90-minütiger Kurs kann die Statistikkompetenz der angehenden Medizinerinnen und Mediziner erheblich verbessern.“

 

Finanzierung: Die Berliner Wissenschaftler erhielten für die Studie keine spezielle Unterstützung.

Der „Schnelltest Risikokompetenz“ kann hier als Pdf-Datei heruntergeladen werden:

https://www.harding-center.mpg.de/de/harding-zentrum/schnelltest-risikokompetenz