Start der HIV-Therapie direkt nach Diagnose verbessert Behandlungsergebnis


  • Nicola Siegmund Schultze
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Wird eine antiretrovirale Therapie (ART) bei HIV-Infizierten ohne Symptome oder mit minimalen Krankheitszeichen am Tag der Diagnose begonnen, ist die Adhärenz an die gesundheitliche Versorgung größer als bei einem Therapiebeginn nach drei Wochen (Standardzeitraum) - zumindest in einem Land mit Versorgungsdefiziten wie Haiti. Der direkte Start der Behandlung ist aber auch mit einer signifikant höheren Rate von Patienten assoziiert, die innerhalb von 12 Monaten den Zielwert "Viruslast < 50 Kopien/mL" erreichen (1).

Hauptergebnisse

Bei den insgesamt 703 Teilnehmern mit nicht fortgeschrittener Erkrankung lag die durchschnittliche Zahl der CD4-Zellen bei Diagnose zwischen 247/μL (Standardgruppe) und 249/μL (Gruppe mit unmittelbarem Therapiebeginn). 79,8 % der Patienten mit direktem Start der Therapie waren nach 1 Jahr noch in Behandlung, aber nur 72 % bei einem Therapiebeginn nach drei Wochen. 43,8 % in der Standardgruppe erreichten nach 1 Jahr eine Viruslast < 50 Kopien/μL, aber 53 % bei direktem Therapiebeginn – eine signifikante Erhöhung der Wahrscheinlichkeit um 24 % (p=0,008). 6 % in der Gruppe mit Therapiestart nach 3 Wochen starben, aber nur 3 % bei direktem Therapiebeginn, auch dies ein signifikanter Unterschied.

Design

  • prospektive, randomisierte, unverblindete Studie mit 703 neudiagnostizierten HIV-Patienten in Haiti
  • Randomisierung in eine Gruppe mit Standardprozedere: Beginn der Therapie 21 Tage nach Diagnose, in denen die Patienten wöchentlich mit einem Sozialarbeier Kontakt hatten (n=356), oder

        am Tag der Diagnose unmittelbar nach einem intensiven Aufklärungsgespräch (n=347)

  • primärer Endpunkt: Therapieadhärenz mit Erreichen des Zielwerts von < 50 HIV-RNA-Kopien/mL nach 12 Monaten; sekundäre Endpunkte: u.a. Überleben.

Klinische Bedeutung

Symptomatische HIV-Patienten sollten nach den Therapieempfehlungen vieler Länder inklusive Deutschland generell eine ART erhalten, bei asymptomatischen HIV-Infizierten orientiert sich die Indikation vorrangig an der CD4-Zellzahl und weiteren individuellen Kriterien (2). Für einen Bereich, in dem der Durchschnitt der Studienteilnehmer war (CD4-Zellen: 2 50 / μ L ), heißt es in den deutsch-österreichischen Leitlinien, eine Behandlung sollte "so rasch wie vertretbar" eingeleitet werden. Den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von 2016 zufolge gibt es keine hinreichende Evidenz für einen Therapiebeginn am Tag der Diagnose (3). Die Autoren der Studie aus Haiti und den USA sowie die Kommentatoren der Publikation (4) meinen, die WHO sollte diese Aussage überdenken und durch entsprechende Empfehlungen einen Therapiestart am Tag der Diagnose erleichtern.