Starke SSRI könnten das Schlaganfallrisiko moderat reduzieren

  • Neurology

  • von Michael Simm
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaft

Antidepressiva mit starker Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmung sind einer großen retrospektiven Fall-Kontroll-Studie zufolge mit einer kleinen Reduktion des Risikos für ischämische Schlaganfälle und transiente ischämische Attacken assoziiert.

Hintergrund

Wegen der hohen Komorbidität von Depressionen und kardiovaskulären Erkrankungen erhalten viele Patienten mit einem erhöhten Ischämie-Risiko Antidepressiva. In den Studien dazu wurden Antidepressiva meist mit Placebo verglichen. Hier wurden nun nach differentiellen Effekten verschiedener Substanzen in der gleichen Wirkstoffklasse gefragt, genauer: ob in der Klasse der selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI) diejenigen mit starker Wiederaufnahme-Hemmung das Risiko für einen ischämischen Schlaganfall senken.

Design

Retrospektive populationsbasierte Studie mit Fall-Kontroll-Analyse anhand des britischen Clinical Practice Research Datalink (CPRD), in dem die medizinischen Aufzeichnungen von mehr als 15 Millionen Menschen aus über 700 Praxen in elektronischer Form erfasst sind. Eingeschlossen wurden 938.388 Erwachsene (Durchschnittsalter 46 Jahre, 64 % weiblich), die in den Jahren 1995 bis 2014 erstmals ein SSRI oder ein Antidepressivum der 3. Generation erhalten hatten. Jeder Patient mit einem erstmaligen ischämischen Schlaganfall oder Myokardinfarkt wurde bis zu 30 Personen einer Kontrollgruppe gegenübergestellt;  die Inzidenzraten wurden für die beiden Outcomes bei starker, mittlerer oder schwacher Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmung geschätzt.

Ergebnisse

  • Im Follow-Up von durchschnittlich 5,7 Jahren wurde bei 15.860 Patienten ein ischämischer Schlaganfall oder eine transiente ischämische Attacke diagnostiziert, was einer Inzidenzrate von 31,1 / 10.000 Personenjahre entspricht.
  • Das relative Risiko (RR) für einen ischämischen Schlaganfall / TIA betrug für starke SSRI (Duloxetin, Fluoxetin, Paroxetin und Sertralin) im Vergleich zu schwachen Inhibitoren (Mianserin, Mirtazapin, Nefazodon, Reboxetin, Agomelatin und Viloxazin) 0,88 bei einem 95%-Konfidenzintervall von 0,80 – 0,97.
  • Unterschied man nach der Dauer des Gebrauchs, so war der Effekt am stärksten für einen Zeitraum von 61 bis 180 Tagen (RR 0,84; 95%-KI 0,72 – 0,97).
  • Der Vergleich starker Inhibitoren mit moderaten Inhibitoren (Citalopram, Escitalopram, Fluvoxamin und Venlafaxin) ergab ein Chancenverhältnis für einen ischämischen Schlaganfall / TIA von 0,98 (95%-KI 0,92 – 1,04).
  • Für die 8626 Patienten, die bei einer mittleren Nachverfolgungszeit von 5,6 Jahren einen Herzinfarkt erlitten, machte es keinen Unterschied, ob sie starke oder schwache Serotonin-Inhibitoren bekommen hatten (RR 1,00; 95%-KI 0,87 – 1,15). Beim Vergleich starker mit moderaten Inhibitoren war die RR 1,09 (95%-KI 1,00 – 1,18), für Patienten mit präexistenten kardiovaskulären Erkrankungen RR 1,46 (95%-KI 1,10 – 2,11).

Klinische Bedeutung

Die Autoren schreiben, die geringfügig niedrigere Rate an ischämischen Schlaganfällen und TIA unter starken versus schwachen Serotonin-Inhibitoren sei im Einklang mit ihrer Hypothese, dass die Hemmung der Serotonin-Wiederaufnahme auch einen Anti-Platelet-Effekt habe. Die Zahlen zum Herzinfarkt sind damit aber nicht zu erklären, und etwaige klinische Konsequenzen sind nicht unmittelbar ersichtlich.

Finanzierung: Canadian Institutes of Health Research.