Starke Prävalenz-Zunahme bei Demenz und vor allem leichten kognitiven Störungen

  • Psychiatrische Praxis

  • von Dr. med. Thomas Kron
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften 

Die Zahl der an Demenz-Kranken in Deutschland ist aktuellen Daten-Auswertungen zufolge von 2009 bis 2016 um 40 Prozent gestiegen. Noch stärker zugenommen hat, nach Angaben der Autoren vom Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung und der Universität Leipzig, die Prävalenz der leichten kognitiven Beeinträchtigung, wobei die Häufigkeit wahrscheinlich noch unterschätzt wird, da Patienten mit leichten kognitiven Störungen bisher zu selten erkannt werden.

Hintergrund

Demenz-Erkrankungen zählen zu den häufigsten Erkrankungen bei alten Menschen. Aufgrund der enormen medizinischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Bedeutung sind valide Prognosen der  Prävalenz- und Inzidenz-Entwicklung extrem wichtig. Je nach Methode gibt es unterschiedliche, auch gegensätzliche Prognosen: manchen Vorhersagen zufolge wird es in den kommenden Jahren eine weitere deutliche Zunahme der Demenz-Patienten geben; es gibt aber auch Daten, nach denen die Zahl der Neuerkrankungen stagniert oder abnimmt, was unter anderem auf eine verbesserte Prävention, durch Modifikation von Risikofaktoren wie Bluthochdruck, zurückgeführt wird. 

Design

Die Autoren der vorliegenden Studie haben vertragsärztliche Daten des Zeitraums 2009 bis 2016 ausgewertet. Berücksichtigt wurden  Patienten mit leichten kognitiven Störungen (MCI, mild cognitive impairment) und Demenz, bei denen in mindestens zwei Quartalen eine entsprechende gesicherte Diagnose dokumentiert wurde.

Hauptergebnisse 

  • Die Behandlungs-Prävalenz von Demenz-Kranken ist zwischen 2009 und 2016 von 2,52 auf 3,55 Prozent gestiegen ist. Damit hat die Zahl der Demenz-Patienten in diesem Zeitraum um 40 Prozent zugenommen, und zwar von 1,01 Millionen im Jahr 2009 auf 1,41 Millionen im Jahr 2016.
  • Vermehrt diagnostiziert wurden auch leichte kognitive Störungen (MCI). 2009 waren es rund 51 000 Patienten, 2016 bereits 167 000. Das entspricht einem Zuwachs behandelter Patienten von 229 Prozent. 
  • Die Studienautoren vermuten, dass die Zahl der MCI-Patienten in Wirklichkeit noch höher ist. Leichte kognitive Störungen würden nach wie vor zu selten als solche erkannt und dokumentiert. Die Autoren schätzen, dass es in Deutschland bereits 1,5 bis 3,7 Millionen Menschen mit eichten kognitiven Störungen gibt.

Klinische Bedeutung

Eine Zunahme der Demenz-Kranken in Deutschland prognostizieren auch Gesundheitswissenschaftler der Hochschule Aalen, die Daten der AOK Baden-Württemberg ausgewertet haben. Auch ohne demografischen Einfluss werde die Gesamt-Prävalenz der Demenz-Kranken bis 2060 um 50 Prozent steigen, so Valeska Milan und Stefan Fetzer in einem kürzlich publizierten Beitrag. Werde auch die zu erwartende demografische Entwicklung der deutschen Bevölkerung berücksichtigt, könnte dieser Anstieg sogar 80 Prozent betragen. Bis 2060 werde die Zahl der Demenz-Kranken von etwa 1,5 Millionen im Jahr 2015 bis 2060 auf 3,3 Millionen steigen,  bei  Berücksichtigung der Kompression der Krankheitslast auf bis zu 2,6 Millionen, so Milan und Fetzer.

Aufgrund dieser Vorhersagen, insbesondere zur MCI-Epidemiologie, und auch aufgrund der eingeschränkten therapeutischen Optionen wird empfohlen, dass die Prävention verstärkt in den Fokus gerichtet werden muss. Dies setzt eine frühe Diagnose der Demenz und mehr Beachtung der leichten kognitiven Störungen voraus. Gefordert seien hierbei Allgemeinmediziner und Neurologen sowie Psychiater. Ein wichtiger Aspekt ist dabei unter anderen, dass sich die frühe Diagnostik für Haus- wie Fachärzte lohnt. 

Finanzierung: keine Angaben