Stalking: meist keine Krankheit, aber eine Krankheitsursache


  • Dr. med. Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaften

Stalking kann die Betroffenen krank machen. Darüber hinaus kann Stalking (Jägersprache: das Anpirschen und Heranschleichen) zu gewalttätigen Auseinandersetzungen führen. Stalker haben eine abnorme Verhaltensweise, aber selten eine psychotische Störung. Stalking ist meist ein kriminelles Delikt und keine Krankheit.

Stalking - ein weit verbreitetes Phänomen

Abhängig von der jeweiligen Definition werden acht bis 25 Prozent der Menschen einmal in ihrem Leben Stalkingopfer. „Stalking stellt für die Betroffenen eine chronische Stresssituation dar. Sie zeigen häufig Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung oder einer Depression“, sagt Professor Harald Dreßing, Leiter der Forensischen Psychiatrie am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. Stalking kann gewalttätig eskalieren und in seltenen Fällen sogar in ein Tötungsdelikt münden. „Eine der wichtigsten Aufgaben des behandelnden oder beratenden Psychotherapeuten ist daher die Risikoanalyse“, so Dreßing. Als Warnsignal gilt es etwa, wenn der Stalker bereits Suizid- oder Tötungsgedanken geäußert hat. Auch von Stalkern, die substanzabhängig sind, Zugang zu Waffen haben oder bereits früher gewalttätig geworden sind, geht eine erhöhte Gefahr aus.

Fünf Stalker-Typen

Psychiater ordnen die Täter in fünf Stalker-Typen ein. „Fast die Hälfte zählt zu den sogenannten Ex-Partner-Stalkern“, erläutert Dreßing. Diese hatten bereits eine intime Beziehung zum Opfer und beginnen die Verfolgung, nachdem diese Beziehung zerbrochen ist. Weil hier auch Rache als Motiv infrage kommt, besteht ein erhöhtes Risiko für Drohungen und Übergriffe.

Ein erhöhtes Gewaltrisiko geht auch vom sogenannten beutelüsternen Stalker aus: Er wählt sein Opfer mehr oder weniger zufällig aus und verfolgt es, um einen sexuellen Übergriff zu planen. „Das Stalking dient hier definitiv als Vorbereitung einer gewaltsamen Handlung“, sagt Dreßing.

Des Weiteren kennen Experten Liebe suchende Stalker. Sie sind im Liebeswahn davon überzeugt, dass ihr Opfer sie eigentlich auch liebe, auch wenn vorher keine Beziehung bestanden hat. 

Der Rache suchende Stalker möchte hingegen die Zielperson aufgrund eines vermeintlichen, oft im beruflichen Umfeld geschehenen Unrechts in Angst versetzen. 

Der inkompetente Stalker hat eine geringe soziale Kompetenz. Es fällt ihm deshalb schwer, Kontakte zu knüpfen und Beziehungen aufrechtzuerhalten. Durch Stalking-Verhaltensweisen versucht er eben das zu erreichen, ist aber nicht in der Lage, Zurückweisungen richtig zu interpretieren.

Keine vorschnelle Pathologisierung

Auch wenn Stalking immer als abnormes Verhalten zu bewerten ist, liegt dem Problem nur selten eine psychotische Störung zugrunde. „Bei der größten Gruppe der Stalkingfälle ist beim Täter keine gravierende psychiatrische Diagnose zu stellen“, ist Dreßing überzeugt. Stalking sei daher in den meisten Fällen als kriminelles Delikt und nicht als Krankheit zu werten. Das abnorme Verhalten eines Stalkers dürfe nicht dazu verleiten, eine vorschnelle Pathologisierung vorzunehmen.

Umgekehrt muss, bevor eine Beratung oder Therapie eines Stalkingopfers begonnen wird, ausgeschlossen sein, dass es sich um ein „falsches Opfer“ handelt. „Immerhin zwei bis zehn Prozent der Stalkingopfer in einer Spezialambulanz entpuppen sich als falsche Betroffene“, mahnt Dreßing. Oft lebten sie in der wahnhaften Vorstellung, verfolgt zu werden. Zuweilen seien sie aber auch von Rachegefühlen oder der Hoffnung auf materielle Entschädigung geleitet.

Nicht zuletzt können auch Psychiater und Psychotherapeuten in ihrem beruflichen Kontext selbst zu Stalkingopfern werden – und zwar deutlich häufiger als der Bevölkerungsdurchschnitt.

Wissenschaftliche Untersuchungen zur Effizienz gezielter Therapiemaßnahmen bei Stalkern liegen laut Dreßing bisher noch nicht vor; deshalb seien mancherorts vorhandene Therapieangebote derzeit eher skeptisch einzuschätzen. Den von Stalking Betroffenen könne man mit kurzen, kognitiv-verhaltenstherapeutischen Interventionen im Einzel- oder Gruppensetting geholfen werden.

Finanzierung: keine Angaben