Sport - ein unterstützendes Therapeutikum auch für Tumor-Patienten

Der Zugang zum gesamten Inhalt dieser Seite ist nur Angehörigen medizinischer Fachkreise vorbehalten. Der Zugang zum gesamten Inhalt dieser Seite ist nur Angehörigen medizinischer Fachkreise vorbehalten.

Körperliche Aktivitäten (Beruf, Alltag, Freizeit) können Krebs-Erkrankungen vorbeugen, sind aber auch für bereits an Krebs erkrankte Patienten von großem Wert. Gründe dafür, dass auch Krebs-Kranke körperlich aktiv seien oder Sport treiben sollten, gibt es viele. So mindern körperliche Aktivitäten das Gesamtmortalitäts-Risiko, können also das Leben verlängern. Ein körperlich aktiver Lebensstil bzw. systematische Sport- und Bewegungstherapien seien zum Beispiel in der Lage, psychischen und auch physischen Belastungen und Nebenwirkungen der Tumor-Erkrankung sowie der Therapie entgegenzuwirken, berichten Dr. Joachim Wiskemann (Nationales Centrum für Tumorerkrankungen in Heidelberg) und Professorin Karen Steindorf . Da Nebenwirkungen häufig die Therapiedosis einschränken, können körperliche Aktivitäten auch den Nutzen der Therapie fördern. Möglicherweise schützen sie vor Rezidiven, wie erste Studien-Ergebnisse vermuten lassen.

Eigentlich ein Muss bei Fatigue

Eine der häufigsten sehr belastenden Begleiterkrankungen bei Krebs-Patienten ist Fatigue, eine multifaktorielle Erkrankung mit körperlicher und emotionaler Erschöpfung, fehlendem Antrieb und Konzentrationsschwächen. Schlaf und Erholungsphasen können die chronische Müdigkeit und Kraftlosigkeit nicht mehr ausgleichen. Während oder kurz nach einer Tumor-Therapie leiden bis zu 90 Prozent der Patienten unter Fatigue. Diese geht nach einiger Zeit zwar bei vielen Patienten zurück, kann aber auch chronisch werden. Hiervon sind Schätzungen zufolge 20 bis 50 Prozent aller Patienten betroffen.

Dass körperliches Training bei Fatigue hilft, haben Karen Steindorf und ihre Kollegen mit einer eigenen Studie zeigen können. So verbesserte ein nur dreimonatiges Krafttraining während der Strahlentherapie die Lebensqualität und linderte die Fatigue-Symptome von Brustkrebs-Patientinnen. Die insgesamt 160 Patientinnen der Studie wurden zufällig der Sport- oder der Entspannungs-Gruppe zugeteilt. Sie trainierten jeweils zweimal wöchentlich je eine Stunde. Vor Beginn und nach Abschluss des 12-wöchigen Trainings gaben sie in einem Fragebogen Auskunft über ihr psychisches und physisches Befinden. Zudem wurde ihre Fitness untersucht. Die Studie zeigte, dass Brustkrebs-Patientinnen der Sport-Gruppe signifikant weniger unter Erschöpfung litten, zudem verbesserten sich wichtige Teilaspekte der Lebensqualität, sowie – erwartungsgemäß – die Körperkraft. „Krafttraining ist offenbar eine wirksame Methode, um den belastenden Fatigue-Symptomen bei Brustkrebs-Patientinnen vorzubeugen oder sie zu lindern. Zudem profitieren die Patientinnen auch in ihrem Alltagsleben von einer besseren körperlichen Leistungsfähigkeit“, so Steindorf. Allein die derzeitigen Erkenntnisse zu den positiven Effekten von Bewegung zur Verhinderung oder Linderung von Fatigue sollten ausreichen, um körperliche Aktivität zu einem festen Bestandteil der supportiven Krebstherapie zu machen.

Hilfreich auch bei Schlafstörungen und anderen Problemen

Auch bei Nebenwirkungen wie Kachexie und Schlafstörungen kann mit körperlichem Training Positives erreicht werden. Möglicherweise wirkt es sogar Einbußen der Hirnleistungsfähigkeit entgegen. Denn außer strukturellen Veränderungen treten bei Krebs-Patienten häufig Konzentrations- und Erinnerungsprobleme auf – teilweise auch noch Jahre nach der Therapie. Die Datenlage zu krebs-assoziierten kognitiven Beeinträchtigungen sind nach Angaben von Steindorf und ihren Kollegen  allerdings wenig aussagekräftig. Ganz ähnlich wie bei den Polyneuropathien seien hier in naher Zukunft von laufenden wissenschaftlichen Studien genauere Aussagen zu erwarten.

Sport und körperliche Aktivitäten werden für Krebs-Patienten außerdem zunehmend wichtig, weil immer mehr Krebs-Patienten aufgrund diagnostischer und therapeutischer Fortschritte noch viele Jahre leben und manche onkologischen Therapien kardiovaskuläre Nebenwirkungen haben. Diese Nebenwirkungen würden allerdings noch immer unterschätzt, berichten Onkologen der Universität von Glasgow im Fachblatt „Heart“ . So komme es bei fast allen Patienten, die einen Tyrosinkinase-Hemmstoff des „Vascular Endothelial Growth Factor“-Rezeptors (VEGFR) erhielten, zu einem akuten Blutdruck-Anstieg; die Mehrheit entwickele einen Hypertonus. Weitere mögliche kardiale Komplikationen dieser Tumor-Therapeutika seien eine linksventrikuläre systolische Dysfunktion, Myokardischämien und Verlängerung des QT-Intervalls. 

Ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko haben auch Menschen, die als Kinder oder Jugendliche Krebs hatten, wie Mainzer Kinderonkologen um Professor Jörg Faber (Kinderonkologisches Zentrum Mainz) berichten. Die Autoren ermittelten eine Risikozunahme für Bluthochdruck um 38 Prozent, für Fettstoffwechselstörungen um 26 Prozent. Im Vergleich zur Normalbevölkerung treten diese Risikofaktoren bei den Krebs-Langzeitüberlebenden sechs und acht Jahre früher auf. Eine manifeste kardiovaskuläre Erkrankung hatten 4,5 Prozent der Patienten (in der Mehrzahl bereits im Alter von unter 40 Jahren). Am häufigsten waren Herzinsuffizienz und venöse Thromboembolien.

Bewegungstherapie selbstverständlich nicht nach Schema F

Oft gestellte Fragen in diesem Zusammenhang sind, wie viel körperliche Aktivitäten oder Sport erforderlich sind und welche Sportarten. Den aktuellen Empfehlungen zufolge sollten laut Steindorf Krebs-Kranke während der gesamten Krankheits- und Behandlungszeit so früh wie möglich so aktiv wie möglich sein. Anzustreben seien pro Woche mindestens 150 Minuten moderate oder 75 Minuten intensive körperliche Aktivität. Außer zu Ausdauersport wird auch zu einem regelmäßigen Krafttraining (2–3-mal/Woche) geraten. Wie grundsätzlich jede Therapie sollte auch diese nicht einem starren Schema F folgen. Das Training sei kontinuierlich anzupassen - an die Leistungsfähigkeit, an spezielle Aspekte der Erkrankung, an die Therapieform (z.B.Tragen eines Stomas) und die spezifischen Bedürfnisse und Möglichkeiten der Patienten.

Kontraindikationen: Infektionen, Fieber, Wirbelsäulenmetastasen

Auch für das Tumortherapeutikum Sport gibt es Kontraindikationen. So gilt auch für Krebskranke Trainingsverbot zum Beispiel bei Infektionen und Fieber. Eine Kontraindikation sind zudem Knochenmetastasen in der Wirbelsäule, da pathologische Frakturen zu einem Querschnitt führen können, bei hoch zervikalen Läsionen auch zu Todesfällen. Knochenmetastasen jedoch, die nicht frakturgefährdend seien, stellten keine Kontraindikation dar. Im Gegenteil: Hier würde ein Bewegungsverbot zu einer weiteren Schwächung der Knochensubstanz führen. Operationsnarben und Stomas seien auch keine generellen Kontraindikationen.

Zurückhaltung während der Therapiephasen

Darüber hinaus gebe es während des Krankheits- und Therapieverlaufs Phasen, in denen die Patienten sich nicht oder nur wenig belasten sollten. Vor allem unter Chemo- und Strahlentherapie könnten Blutwerte auftreten, die eine körperliche Betätigung nicht mehr zulassen, wie z. B. sehr niedrige Hämoglobinwerte. Hierzu fehlten allerdings ein- heitliche und aktuelle Empfehlungen. Etwas Sport-Abstinenz ist auch an Tagen sinnvoll, an denen bestimmte medizinische Therapien (etwa kardio- oder nephrotoxische Chemotherapien) vorgesehen sind. Diese Empfehlung sei derzeit nicht evidenzbasiert, sondern gelte als Vorsichtsmaßnahme.

Weiterhin „Optimierungsbedarf“

Obgleich der Nutzen körperlicher Bewegung für Tumor-Patienten unstrittig ist, gibt es laut Steindorf in Deutschland keine „flächendeckende Beratungs- und Versorgungsstruktur, die allen Krebsbetroffenen ein bedarfsgerechtes und wohnortnahes körperliches Training ermöglicht“. Eine flächendeckende onkologische Sport- und Bewegungstherapie werde bislang durch das deutsche Gesundheitssystem nicht finanziert. Andererseits finde eine stetige Professionalisierung und Ausweitung der Sport- und Bewegungsangebote speziell für onkologische Patienten statt. Dieser Fortschritt sollte unbedingt weiter strukturell gefördert werden. Außerdem sollten auch Maßnahmen zur Qualitätssicherung den Standard von Trainingseinrichtungen und -angeboten speziell für Krebs-Kranke gewährleisten. Fort- und Weiterbildungsangebote für Ärzte und das Pflegepersonal sowie für Physiotherapeuten sollten ebenfalls verbessert werden.