Smarte Diagnose von Vorhofflimmern erweist sich als sehr treffsicher


  • Thomas Kron
  • Studien – kurz & knapp
Der Zugang zum gesamten Inhalt dieser Seite ist nur Angehörigen medizinischer Fachkreise vorbehalten. Der Zugang zum gesamten Inhalt dieser Seite ist nur Angehörigen medizinischer Fachkreise vorbehalten.

Kernbotschaften

Mit einer kommerziell erhältlichen Smartwatch lässt sich der vorliegenden Studie zufolge Vorhofflimmern offenbar zuverlässig erkennen: Sensitivität und  Spezifität lagen bei über 90 Prozent. Die Herzrhythmusstörung könnte so früher entdeckt und dadurch das Risiko für einen Schlaganfall deutlich reduziert werden. Bevor die Smartwatch jedoch tatsächlich für ein Screening bei Risiko-Patienten eingesetzt werden kann, sind noch weitere klinische Studien nötig.

Hintergrund

Seit mehreren Jahren wird über den Nutzen eines Screenings auf Vorhofflimmern diskutiert. Eine einfache und relativ preiswerte Möglichkeit dafür könnten Smartwatches in Kombination mit speziellen Apps sein. Erst vor wenigen Monaten hat ein bekanntes US-Unternehmen mit einer solchen smarten Uhr für großes Aufsehen gesorgt. Diese Uhr inspiriere zu einem gesünderen Leben, warb das Unternehmen; sie helfe, alles besser zu managen – vom Alltagstress bis hin zum Kalorienverbrauch. Gleichzeitig überwache sie die Herz­frequenz und informiere, wenn sie etwas Unge­wöhnliches feststelle. Wissenschaftler des Deutschen Zentrums für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK) an der Universitätsmedizin Greifswald und Wissenschaftler des Universitätsspitals Basel haben nun in einer Studie den Nutzen einer anderen elektronischen Uhr zur Diagnose von Vorhofflimmern geprüft.

Design

Es war eine prospektive Studie in zwei Kliniken, bei der insgesamt 508 Frauen und Männer in einem Durchschnittsalter von rund 76 Jahren berücksichtigt werden konnten. 237 der Studienteilnehmer hatten Vorhofflimmern. Die Aufzeichnungen der Smartwatches vom Unternehmen Samsung Electronics wurden durch einen automatischen Algorithmus (Preventicus GmbH, Jena) hinsichtlich des Vorliegens von Vorhofflimmern analysiert. Die Ergebnisse wurden mit denen eines mobilen Elektrokardiogramm-Geräts (AliveCor Kardia-System) verglichen, bei dem für die Messung je zwei Finger der rechten und linken Hand auf eine Elektrode gelegt werden. Diese EKGs wurden anschließend von Ärzten ausgewertet, denen keine weiteren Informationen über die Teilnehmer vorlagen.

Hauptergebnisse

  • Die Smartwatch erwies sich bei der Diagnose Vorhofflimmern als mindestens genauso gut und akkurat wie das mobile EKG. So betrug die Sensitivität 93,7 Prozent, die Spezifität lag sogar bei 98 Prozent. Die Wahrscheinlichkeit für falschen Alarm mit der Folge weitere Untersuchungen ist demnach gering. 
  • Die Studie zeigte außerdem, dass eine wiederholte einminütige Aufzeichnung ausreicht, um Herzrhythmusstörungen zuverlässig zu entdecken. Durch ein verlängertes Aufzeichnungsintervall von drei oder fünf Minuten konnten keine besseren Ergebnisse erzielt werden.
  • Probleme gab es mit der Qualität des Signals. Meistens traten diese Störungen auf, wenn die Träger sich bewegten. Dann konnte die Smartwatch den Herzrhythmus nicht immer korrekt erfassen. Knapp 22 Prozent der Daten konnten daher nicht ausgewertet werden.

Klinische Bedeutung

Für eine Anwendung im Alltag müsste auf jeden Fall noch das Problem der Signal-Störungen gelöst werden. „Eine mögliche Lösung könnte sein, neben der Verbesserung des Algorithmus, den Herzrhythmus nachts mehrfach automatisiert aufzuzeichnen, wenn man sich weniger bewegt“, so Studien-Erstautor Professor Marcus Dörr (Klinik und Poliklinik für Innere Medizin B, Universitätsmedizin Greifswald).

Bevor die Smartwatch jedoch für ein Screening eingesetzt werden kann und auf dieser Datenbasis konkrete Handlungsempfehlungen ausgesprochen werden können, beispielsweise zur Antikoagulation bei asymptomatischen Patienten, sind noch umfangreiche klinische Folgestudien notwendig. Dafür läuft laut Dörr und seinen Kollegen schon eine EU-finanzierte Studie, in der untersucht wird, ob mit einer Smartwatch beschwerdefreies Vorhofflimmern bei Risiko-Patienten zuverlässig erkannt werden kann.

Eine weitere Kernfrage in diesem Zusammenhang ist, ob ein Screening auf Vorhofflimmern überhaupt sinnvoll ist. Für ein solches Screening bei Menschen ab 65 spricht sich zum Beispiel in einem sogenannten „White Paper“ die AF-SCREEN International Collaboration aus. In dem Verbund AF-SCREEN haben sich über 100 Ärzte, Gesundheitsökonomen, Krankenschwestern, Apotheker und Vertreter von Patienten-Organisationen aus 33 Ländern zusammengeschlossen. Partner sind unter anderen das Medizintechnik-Unternehmen Medtronic die Pharmaunternehmen Bayer, Pfizer, Bristol-Meyers Squibb, Servier und Boehringer Ingelheim.

Wenn ältere Menschen flächendeckend auf Vorhofflimmern untersucht würden, könnten damit weltweit hunderttausende Schlaganfälle verhindert werden, argumentieren die Mitglieder des internationalen Gremiums AF-SCREEN.  Allerdings weisen sie auf die Gefahr von falsch-positiven Befunden beim Screening mit Smartphone-EKGs und tragbaren Pulsmessern für den Verbraucher-Markt hin.

Finanzierung: Preventicus GmbH und Universitätsklinikum Basel. Zwei der Autoren haben virtuelle Aktien des Unternehmens.