Sie fehlte noch zu unserem Glück: Die Influenza

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Das neue Corona-Virus wie auch Influenza-Viren werden über Tröpfchen von Mensch zu Menschen übertragen. Masken und physischer Abstand schützen vor beiden Infektionen. Sollte es jedoch im Oktober, November und Dezember keine Sperrungen und Maßnahmen zur sozialen Distanzierung geben oder die Bereitschaft, die Regeln einzuhalten, stark sinken, werde sich die Influenza viel schneller ausbreiten als vor Monaten auf der Südhälfte der Welt, warnt der Virologe Dr. John McCauley, Direktor des weltweiten Influenza-Zentrums am Francis Crick Institute in London.

Die Aussicht auf die Influenza-Saison während der Coronavirus-Pandemie bereitet nicht nur dem Londoner Virologen Sorgen. Auch Krankenhäuser und niedergelassene Ärzte befürchten eine besonders starke Zunahme an Patienten mit Infektionen der Atemwege, darunter Influenza und Infektionen durch das Respiratory Syncytial Virus (RSV), ein weiterer saisonaler Erreger, der bei kleinen Kindern und älteren Menschen schwere Krankheiten verursachen kann. 

Konfektionen - Folgen noch unklar

Ein großes Problem könnten Konfektionen werden, meint zum Beispiel Professor Ian Barr, stellvertretender Direktor des „WHO Collaborating Centre for Reference and Research on Influenza“ in Melbourne. „Zwei oder drei Viren, die Sie infizieren, sind normalerweise schlimmer als einer", so Barr im Fachmagazin „Science“.

Die Folgen von Koinfektionen wurden jedoch noch nicht ausreichend geklärt. Einer Publikation von US-Wissenschaftler zufolge waren von 116 Personen in Nordkalifornien, die im März positiv auf das Coronavirus getestet wurden, 24 auch positiv auf mindestens einen anderen Atemwegserreger, meistens Rhinoviren und Enteroviren sowie RSV. Die Studie ergab keine Unterschied in den klinischen Verläufen zwischen COVID-19-Patienten mit und ohne andere Infektionen. Die Untersuchung war jedoch zu klein, um weitreichende Schlussfolgerungen ziehen zu können.

Sorgen bereitet außer Konfektionen auch die Möglichkeit, dass eine Virus-Infektion das Risiko für eine Infektion mit einem anderen Erreger beeinflusst. Solche Wechselwirkungen können allerdings auch „positiv“ sein; so könnte die Infektion mit einem Virus die Wahrscheinlichkeit reduzieren, sich mit einem anderen Atemwegsvirus anzustecken. Es könnte aber auch sein, dass COVID-19 betroffene Menschen für eine Infektion mit RSV anfälliger mache oder umgekehrt, so die Epidemiologin Dr. Sema Nickbakhsh von der Universität von Glasgow.

Gegenmaßnahmen: AHA-Regeln und Influenza-Impfung

Damit es in der kommenden Saison nicht so schlimm wird wie teilweise befürchtet, sind zwei Maßnahmen notwendig, und zwar konsequentes Einhalten oder gar Verschärfen der AHA-Regeln; zudem sollten höhere Influenza-Impfraten angestrebt werden, insbesondere bei Risiko-Populationen wie älteren Menschen, schreibt der US-Pneumologe Dr. Benjamin Singer (Northwestern University Feinberg School of Medicine in Chicago).

Ausweitung der Impfempfehlung?

In dieser Saison sollten zudem vermehrt auch Kinder gegen Influenza geimpft werden, rät Professor Johannes Hübner, leitender Oberarzt der Kinderklinik der Ludwig-Maximilians-Universität München und Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie. „Wir wissen, dass Kinder den Influenzavirus maßgeblich übertragen", so Hübner vor wenigen Tagen in der „Welt am Sonntag“. Jeden Winter müssten viele Kinder wegen Grippe stationär aufgenommen und sogar mit Sauerstoff versorgt werden. Abgesehen von den Risiken für die Gesundheit der Kinder gebe es in Zeiten der Corona-Pandemie zudem eine gesellschaftliche Verpflichtung zum Schutz anderer, sagte der Pädiater außerdem. Bundesärztekammer-Präsident Dr. Klaus Reinhardt empfiehlt Medienberichten zufolge, dass auch Erzieher und Lehrer in Deutschland möglichst lückenlos gegen die Grippe geimpft werden. Die in den kalten Monaten zu erwartende Grippewelle dürfe nicht den Betrieb von Kitas und Schulen gefährden, erklärte Reinhardt den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

STIKO gegen Ausweitung der Impfempfehlung

Von verschiedenen Seiten sei vorgeschlagen worden, die Indikation für eine Influenza-Impfung sogar auf die gesamte Bevölkerung auszuweiten, so die STIKO in einer Stellungnahme. Die Impfkommission bleibt allerdings, wie berichtet, bei ihrer bisherigen Empfehlung, wonach „bevorzugt die Bevölkerungsgruppen geimpft werden sollen, die ein besonders hohes Risiko für schwere Verläufe einer Influenza haben“. Allerdings sollten die Impfquoten unbedingt erhöht werden. Denn da die Epidemiologie beider Erkrankungen hinsichtlich der Risikogruppen für schwere Krankheitsverläufe sehr deutliche Gemeinsamkeiten aufweise, ist die STIKO laut der Stellungnahme davon überzeugt, „dass für die kommende Influenza-Saison 2020/21 eine hohe Impfquote in den Risikogruppen erreicht werden muss, um neben dem individuellen Schutz auch das Gesundheitssystem zu entlasten“. Der STIKO-Vorsitzende hat daher frühzeitig mit Briefen an die kassenärztlichen Vereinigungen, den Bundesminister für Gesundheit und die Nationale Lenkungsgruppe Impfen auf die Notwendigkeit von hohen Influenza-Impfquoten und ausreichender Versorgung mit Influenza-Impfstoffen für die kommende Influenza-Saison hingewiesen. Dies sei insbesondere auch deswegen geschehen, „weil die bisherige Influenza-Impfbeteiligung bei der Risikogruppe der > 60-Jährigen mit etwa 35 % völlig unzureichend ist und in den vergangenen 10 Jahren sogar kontinuierlich abgenommen hat“, erklärt die STIKO.

Die Kommission geht davon aus, dass für die kommende Saison 2020/21 in Deutschland ca. 25 Millionen Dosen Influenza-Impfstoff verfügbar sein werden (inkl. der vom Bundesministerium für Gesundheit (BMG) beschafften nationalen Reserve). Obwohl dies deutlich mehr Impfstoffdosen seien als in den vergangenen Jahren, „würden diese aber nicht für die Impfung der gesamten Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland ausreichen“, begründet die STIKO ihre Empfehlung, die Impfung nicht auf die gesamte Bevölkerung auszuweiten. Mit den verfügbaren Impfstoffdosen sollten insbesondere die Personen vollständig gegen Influenza geimpft werden sollten, die ein erhöhtes Risiko für schwere Verläufe einer Influenza (oder von COVID-19) mit einem hohen Risiko einer Hospitalisierung hätten (z. B. alte Menschen, Personen mit chronischen Grundleiden) oder die beruflich besonders exponiert und epidemiologisch bedeutsam seien, weil es durch sie zu nosokomialen Übertragungen in Krankenhäusern, Pflege- und Altenheimen kommen könnte. Zudem sollten auch Schwangere und Bewohner von Alters- oder Pflegeheimen gegen Influenza geimpft werden.

Allein für die vollständige Umsetzung der bestehenden Impf-Empfehlungen wären laute STIKO etwa 40 Mio. Dosen Influenza-Impfstoff notwendig. Durch eine Ausweitung der Empfehlung auf die gesamte Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland könnte es zu einer Unterversorgung der Menschen kommen, die besonders von der Impfung profitieren würden. Eine Ausweitung der Empfehlung könnte sich derzeit sogar als kontraproduktiv erweisen.

Außerdem würden die Schutzeffekte für die Gemeinschaft durch Impfung von Nicht-Risikogruppen „aufgrund von kontaktreduzierenden Maßnahmen im Rahmen der COVID-19-Bekämpfung von begrenzter Wirkung sein“. Dies belegten auch Daten der Arbeitsgemeinschaft Influenza (AGI) für den Monat März 2020, die zeigten, dass die Influenza-Meldungen mit Beginn der Kontaktbeschränkung im Vergleich zu den Vorjahren sehr deutlich und abrupt sanken.

Auch mögliche Konfektionen seien kein Grund, die Empfehlungen auf die gesamte Bevölkerung auszuweiten. Koinfektionen durch SARS-CoV-2 und Influenza-Viren wurden in der wissenschaftlichen Literatur zwar schon beschrieben, deuten laut STIKO bislang jedoch nicht auf schwerere Verlaufsformen für COVID-19 in Nicht-Risikogruppen hin; eine generelle Empfehlung könne daher „auch in Bezug auf dieses mögliche Impfziel nicht evidenzbasiert begründet werden“, so die Kommission.