Sexualität im hohen Alter: Gilt wirklich, dass nichts mehr geht?

  • Deutsche Gesellschaft für Geriatrie

  • von Dr. med. Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaften

Auch viele alte Menschen wollen noch ein erfülltes Sexleben haben. Doch in der Geriatrie kommt Sexualität noch zu kurz, wie die Geriaterin Dr. Annette Ciurea (Stadtspital Waid in Zürich) kritisiert. Beim kommenden Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG)  beleuchtet sie das Thema in ihrer Keynote-Lecture „Sexualität im Alter: Rien ne vas plus!?“. Der Kongress findet vom 5. bis 7. September 2019 in Frankfurt am Main statt.

„Jeder Mensch hat einen eigenen persönlichen Zugang zur Sexualität, auch Ärztinnen und Ärzte. Wir befragen unsere Patientinnen und Patienten zu allen möglichen gesundheitlichen Problemen, über ihre Sexualität wissen wir aber meist kaum etwas“, sagt Dr. Annette Ciurea und fährt fort: „Der WHO-Report ‚Alter und Gesundheit‘ umfasst insgesamt 260 Seiten – gerade einmal eine Seite widmet sich dem Thema Sexualität. Für Menschen mit Demenz gibt es zahlreiche Fragebögen zur Erfassung von auffälligem Verhalten, aber keinen zu sexueller Auffälligkeit.“ 

Auch Hochbetagte wünschen sich Intimität

In ihren Augen ist Sexualität aber ein wichtiger Baustein des „Successful Aging“, der bisher zu kurz kommt. „In der Berliner Altersstudie BASE hat man etwa festgestellt, dass die sexuelle Aktivität im Alter zurückgeht, der Wunsch nach Intimität aber durchaus bestehen bleibt“, so Ciurea. Dabei gehe es nicht nur um den Geschlechtsakt selbst, sondern vor allem um das Bedürfnis nach Zärtlichkeit und Berührung. Der körperliche Kontakt von vielen Patienten in Pflegeheimen und geriatrischen Abteilungen beschränke sich aber oft auf Waschen und Füttern.

Hinzu kommen viele Barrieren, die mit dem Älterwerden zu tun haben. Der Körperbau verändert sich, die Menopause tritt ein, chronische Erkrankungen wie Diabetes nehmen zu. Medikamente gegen bestimmte Krankheiten können wiederum die Libido negativ beeinflussen. „Auch die fortschreitende Demenz eines Partners oder einer Partnerin kann in der Beziehung zur großen Belastung werden“, so Annette Ciurea.

Sexualität im Pflegeheim: wie damit umgehen?

Während die Sexualität in den eigenen vier Wänden gelebt werden kann, bestehen in Pflegeinstitutionen erhebliche Einschränkungen. Dürfen die Bewohner miteinander Beziehungen eingehen? Sollen für ein intimes Beisammensein Räume eingerichtet werden? Was löst das bei Angehörigen aus? Wie gehen wir mit sexuellen Verhaltensstörungen bei Demenz um? – Das sind Fragen, mit denen Altersmediziner zunehmend konfrontiert sind. Hier spielen auch die kulturellen Rahmenbedingungen eine Rolle. In der Schweiz etwa, die als eher liberal gilt, werden in der Praxis bereits sogenannte Berührerinnen oder Sexualbegleiterinnen eingesetzt.