Selten, aber nicht harmlos: HIV-2 stellt Behandler vor besondere Herausforderungen


  • Dr. Stefanie Reinberger
  • Medizinische Nachrichten
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Patienten mit HIV-2 sind in Deutschland sehr selten. Schätzungen belaufen sich auf rund 100 Infizierte in Deutschland und Österreich zusammen. Daher haben auch HIV-Spezialisten selten mit HIV-2 zu tun. Das notwendige Spezialwissen für die Diagnostik und die Therapie dieser Infektion ist daher wenig verbreitet. Um das Wissen über die HIV-2-Infektion auf breitere Beine zu stellen, wurde eine Beobachtungsstudie initiiert, die bei Patienten in Deutschland und Österreich klinische Verläufe sowie immunologische und virologische Parameter erheben wird.

Herkunft und Verbreitung von HIV-2

HIV-2 ist in Westafrika endemisch. Im Unterschied zu HIV-1, dessen Vorläuferviren im Schimpansen verbreitet sind, stammt HIV-2 aus der Rauchmangabe, einer westafrikanischen Affenart. Es sind acht Untergruppe (A-H) bekannt, wobei lediglich die Gruppen A und B von Mensch zu Mensch übertragen werden. Gruppe A tritt weltweit am häufigsten auf.

Diagnostik

  • HIV-Suchtests der vierten Generation (HIV-1/HIV-2 und p24 Antigen) erfassen auch HIV-2-Infektionen. Allerdings beträgt der Zeitraum, bis sich eine HIV-2-Infektion sicher ausschließen lässt, 12 Wochen – im Gegensatz zu 6 Wochen bei HIV-1.

  • Ein immunologischer Bestätigungstest kann Klarheit über eine mögliche vorliegende HIV-2-Infektion oder eine HIV-1/HIV-2 Koinfektion bringen.

  • Darüber hinaus kann ein immunologischer Nachweis per Immunoblot notwendig sein, da die Viruslast oft sehr gering ist. In einer westafrikanischen Kohortenstudie hatten 37 % der unbehandelten HIV -2-Infizierten keine nachweisbare Viruslast, in einer französischen Kohortenstudie waren es sogar 52 %.

  • Für HIV-Infizierte, die ohne antiretrovirale Therapie (ART ) keine nachweisbare HIV-1-Viruslast aufweisen, oder für Behandelte, bei denen trotz supprimierter HIV-1-Last die CD 4+-Zellzahl weiter abfällt, Abfall wird der Ausschluss einer HIV-2-Infektion dringend empfohlen.

  • Im Fall eines Therapieversagens bei nachgewiesener HIV-2-Infektion, bieten spezialisierte Labore genotypische Resistenztestungen an.

 

Klinischer Verlauf

  • Im Endstadium AIDS lässt sich zwischen einer HIV-1- und einer HIV-2-Infektion kein Unterschied mehr ausmachen.

  • Dennoch geht das Immunsystem bei einer HIV-2-Infektion langsamer zugrunde als bei HIV-1-Infektion. Der durchschnittliche jährliche CD 4+-Verlust verläuft bei HIV-2 4,5-mal langsamer (-9 anstelle von -49 Zellen/μl und Jahr).

  • Die Viruslast ist in der Regel niedriger, die Patienten sind weniger infektiös, Mutter-Kind-Übertragungen während der Geburt sind seltener. Die Anzahl an „Elite Controllers“ oder „Long Time Non-Progressors“ ist deutlich höher als bei HIV-1.

 

Therapie

  • Eine Reihe von antiretroviralen Substanzen, die zur Behandlung von HIV-1-Infektionen eingesetzt werden, sind bei HIV-2 nicht wirksam.

    • Die gesamte Klasse der Nicht-Nukleosid-RT-Inhibitoren (NNRTI ) ist generell gegen HIV-2 unwirksam.

    • Bei den Protease-Inhibitoren (PI) wirken nur einige Medikamente zufriedenstellend.

    • Bei HIV-2 findet sich häufiger eine bestimmte Mutation im Gen der Reversen Transkriptase, die zu einer

    • kompletten Resistenz gegenüber der gesamten Medikamentenklasse der Nukleosid/Nukleotid-artigen-RT -Inhibitoren (NRTI) führt.

    • Wirksam sind Integrase-Strang-Transfer-Inhibitoren (INSTI ).

      Bei Vorliegen des entsprechenden Tropismus wirken CCR5-Antagonisten wirken ähnlich gut wie bei HIV-1-Infektionen.

    • Patienten mit einer HIV-1-/HIV-2-Koinfektion sollten nach den HIV-1-Richtlinien behandelt werden – unter Berücksichtigung HIV-2-spezifische Anpassungen.

 

Neue Beobachtungsstudie für HIV-2-Infizierte

Derzeit sind viele Empfehlungen im Zusammenhang mit einer HIV-2-Infektion weniger erfahrungsbasiert als bei HIV-1. Das soll eine multizentrische, nicht-interventionelle, retrospektive und prospektive, unverblindete, nicht randomisierte Beobachtungs- und Kohortenstudie nun ändern. Sie untersucht für Deutschland und Österreich

  • wie viele mit HIV-2 Infizierte in repräsentativen Schwerpunktpraxen behandelt werden;

  • wie groß der Anteil der Elite Controller und Long Time Non-Progressors ist;

  • wie viele Patienten eine ART erhalten, wie diese zusammengesetzt ist und wie der Therapieerfolg eingeschätzt wird.