Sehr häufig: Sexuelle Belästigungen im klinischen Alltag

  • Charité

  • von Karl-Heinz Patzer
  • Medizinische Nachrichten
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Es ist nicht nur ein Problem in Politik, Wirtschaft oder dem Showbusiness: Sexuelle Belästigungen und Übergriffe am Arbeitsplatz sind insbesondere in der Medizin sehr häufig. 70 Prozent der Ärztinnen und Ärzte waren schon einmal von einem #MeToo-Vorfall betroffen, zeigt eine Studie der Charité.

Hintergrund

Bis dato lagen keine genauen Daten zur Häufigkeit von Grenzverletzungen im klinischen Alltag in Deutschland vor. Vor diesem Hintergrund haben Charité-Wissenschaftlerinnen in Zusammenarbeit mit den Gleichstellungsbeauftragten der Charité die Studie Watch – Protect – Prevent (WPP) durchgeführt. Die aktuelle Veröffentlichung in der Fachzeitschrift JAMA Internal Medicine ist einer von drei Studienteilen eines von 2014 bis 2016 durchgeführten Projektes.

Design

Die Ergebnisse beruhen auf einer anonymen, standardisierten Online-Befragung, die unter 743 Ärztinnen und Ärzten der Charité von Mai bis Juli 2015 durchgeführt wurde. 60 Prozent der Teilnehmer waren Frauen, rund 40 Prozent Männer. Gefragt wurde zu Formen von erlebter Belästigung während des gesamten Berufslebens. Erhoben wurden zudem die Folgen und die Profile der Verursacher sowie die Verfügbarkeit von strukturellen und organisationalen Informationen. Finanziell unterstützt wurde die unabhängige Untersuchung von der Charité Stiftung, der Stadt Berlin und der Hans Böckler Stiftung.

Hauptergebnisse

Die Ergebnisse zeigen, dass 70 Prozent der Befragten im Laufe ihres gesamten Arbeitslebens an der Charité oder anderen Kliniken und Krankenhäusern eine Form der Belästigung erfahren haben. Bei den Ärztinnen waren es rund 76 Prozent, bei den Ärzten 62 Prozent. Die häufigste sexuelle Grenzverletzung waren mit 62 Prozent verbale Belästigungen aufgrund von abwertender Sprache sowie mit 25 Prozent aufgrund von anzüglichen Sprüchen. Danach rangierten mit 17 Prozent der Nennungen Grenzverletzungen wegen unerwünschtem Körperkontakt, Erzählungen mit sexuellem Inhalt (15 Prozent) sowie Nachpfeifen und Anstarren (13 Prozent). Als weitere Formen von Fehlverhalten nannten die Befragten Mediziner sexuelle Angebote und unerwünschte Einladungen (7 Prozent), Belästigungen in schriftlicher Form, Bildern oder Witzen (6 Prozent) und obszöne Gesten (5 Prozent). Die Betroffenen wurden am häufigsten von Kolleginnen und Kollegen belästigt. Bei Ärztinnen spielten zudem männliche Vorgesetzte eine zentrale Rolle.

Kernbotschaft und Konsequenz

Die Untersuchung zeigt, wie wichtig die Prävention von Grenzverletzungen im klinischen Alltag ist. Hierfür müssen entsprechende Richtlinien festgelegt sowie Beratungs- und Hilfsangebote bereitgestellt werden. Nach Ansicht der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten an der Charité, Sabine Jenner, nehmen Belästigungen im medizinischen Arbeitsumfeld aufgrund der speziellen Arbeitsbedingungen eine Sonderstellung ein, weil hier Menschen sehr vertrauensvoll zusammenarbeiten und berufsbedingt einen engen Kontakt zu Patientinnen und Patienten haben. Deshalb muss das Thema sexuelle Belästigung an Krankenhäusern und Kliniken offen kommuniziert werden. Der Vorstandsvorsitzende der Charité, Prof. Karl Max Einhäupl, forderte alle Zeuginnen und Zeugen solcher Vorfälle – egal ob Vorgesetzter oder Kollege - zum sofortigen Einschreiten auf.