Schwindel und Fahrtauglichkeit: Begutachtungsleitlinie schießt angeblich über das Ziel hinaus


  • Dr. med. Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaften

Menschen mit Schwindel und Gleichgewichtsstörungen gelten in Deutschland oft als nicht fahrgeeignet. Als Entscheidungsgrundlage dient die Begutachtungsleitlinie zu „Störungen des Gleichgewichtssinnes“ zur Kraftfahreignung der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt). Die darin enthaltenen Auflagen sind nach Ansicht von Professorin Doreen Huppert und Professor Thomas Brandt vom Deutschen Schwindel- und Gleichgewichtszentrum (DSGZ) zu streng. Unter das Verbot fielen auch viele Patienten, die nur selten Schwindelattacken haben, kritisieren die Neurologen in einem Beitrag, der in den Fachmagazinen  „Laryngo-Rhino-Otologie“  und „Aktuelle Neurologie“ erschienen ist.

Urteil nach fünf Jahren Begutachtung mit der Leitlinie

Schwindel ist ein häufiges Symptom. Etwa drei von zehn Menschen erkranken im Verlauf ihres Lebens an Gleichgewichtsstörungen. Bei den meisten tritt der Schwindel nur zeitweise auf. In der übrigen Zeit sind die Betroffenen beschwerdefrei, und während der Schwindelattacken setzen sie sich in der Regel nicht hinters Steuer. Doch was ist, wenn der Gleichgewichtssinn während der Fahrt verrücktspielt? Um die Patienten und andere Verkehrsteilnehmer besser zu schützen, wurde im Jahr 2014 die „Begutachtungsleitlinie zur Kraftfahreignung“ um eine Liste von Gleichgewichtsstörungen ergänzt. Dort sind alle wesentlichen Schwindelformen erfasst, die die Fahreignung beeinträchtigen können.

Nach Ansicht der Neurologen Doreen Huppert und Thomas Brandt von der LMU-München schießt die Leitlinie jedoch weit über das Ziel hinaus. „Zu kategorisch und deutlich zu streng“, lautet ihr Urteil nach den ersten fünf Jahren der Begutachtung. Anders als bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Epilepsien komme es bei Schwindelattacken in der Regel nicht zu einem Bewusstseinsverlust. Die Fahrtüchtigkeit sei zwar eingeschränkt, aber nicht grundsätzlich aufgehoben.

Beispiel Morbus Menière

Kritisch sehen Huppert und Brandt beispielsweise die geforderte schwindelfreie Zeit für Patienten mit Menière-Krankheit. Die Betroffenen leiden unter Schwindelanfällen, die meist eine halbe Stunde bis zu mehreren Stunden andauern.  Bei einigen Patienten kommt es vor den Attacken zu Hörminderung, Tinnitus oder einem Druckgefühl in den Ohren. Wenn diese Warnzeichen regelmäßig auftreten, gibt es für Privatfahrer keine Einschränkungen. Beginnen die Attacken jedoch ohne Ankündigung, sind die Patienten erst wieder fahrgeeignet, wenn mindestens zwei Jahre seit dem letzten Anfall vergangen sind. Zum Vergleich: Patienten mit einer Epilepsie müssen nach einem ersten Anfall nur sechs Monate anfallsfrei bleiben, nach einem wiederholten Anfall ein Jahr. Patienten mit vestibulärer Migräne, die ausser an Kopfschmerzen und Übelkeit auch an Schwindelattacken leiden, müssen sogar drei Jahre attackenfrei sein, bis sie wieder Auto fahren dürfen. Das ist aus Sicht der beiden Schwindel-Experten häufig unangemessen.

Die Sorge: Patienten könnten Vertrauen verlieren

Hinzu kommt, dass manche in der Leitlinie genannten Untersuchungen nicht bei allen Fachärzten möglich sind. Eine exzentrische Körperrotation auf einem Drehstuhl zur Testung der sogenannten Otolithenfunktion sei im deutschsprachigen Raum nur in einer Handvoll wissenschaftlicher Speziallabore durchführbar, so Huppert und Brandt. Ähnliches gilt auch für andere in der Begutachtungsleitlinie aufgeführten Untersuchungen. Die beiden Neurologen befürchten, dass die Leitlinie auf Dauer das Vertrauen der Patienten in ihre Ärzte untergräbt. Wenn die Patienten Angst haben, ihren Führerschein zu verlieren, werden sie ihrem Arzt den Schwindel verheimlichen.

Huppert ist aus eigener Erfahrung nur ein einziger Fall bekannt, in dem es infolge von Schwindel zu einem Verkehrsunfall kam. Der Patient litt unter einer seltenen „room tilt illusion“, einer plötzlich um 90 Grad gekippten visuellen Wahrnehmung. Er konnte laut Huppert sein Motorrad gerade noch an den Straßenrand fahren, bevor er umkippte und sich leicht verletzte.