Schmerz-Diagnose bei alten Menschen mit kognitiven Einschränkungen nicht sicher genug


  • Dr. med. Thomas Kron
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Alte Menschen mit kognitiven Einschränkungen haben oft Schmerzen und sind in ihrer Mobilität eingeschränkt. Die Beurteilung von Schmerzen bei kognitiv eingeschränkten Menschen ist allerdings unsicher: In der vorliegenden Studie stimmtem Selbsteinschätzung der Schmerzen und Fremdeinschätzung bei der Mehrheit der kognitiv eingeschränkten Bewohner von Altenheimen nicht überein.

Hintergrund

Viele Altenheim-Bewohner haben kognitive Einschränkungen und auch Schmerzen. Die Schmerzen werden aufgrund der verminderten Mitteilungsfähigkeit der Betroffenen oft nicht ausreichend wahrgenommen, so dass eine adäquate Therapie unterbleibt. Schmerzen erhöhen das Sturz-Risiko und gehen zudem mit einer verminderten Mobilität einher. Die Fähigkeit, Aktivitäten des täglichen Lebens ohne Hilfe auszuführen, nimmt ab.

Design

Subgruppenanalyse der Baseline-Daten aus einer Interventionsstudie zur Verbesserung der Arzneimitteltherapiesicherheit bei 120 Altenheimbewohnern. Ausgewertet wurden Daten von 62 kognitiv leistungsfähigen Bewohnern (MMST 18–30 Punkte) und 58 kognitiv beeinträchtigten Bewohnern (MMST 0–17 Punkte). Das Durchschnittsalter betrug 85 Jahre.

Hauptergebnisse

  • Bei fast 78 Prozent der Altenheim-Bewohner wurden Schmerzen angenommen. Bei kognitiv beeinträchtigten Personen war dies häufiger der Fall. 
  • Fremd- und Selbsteinschätzungen von Schmerzen bei kognitiv Beeinträchtigten stimmten in zwei Drittel der Fälle nicht überein. 
  • 80 % der Bewohner mit Schmerzen waren in ihrer Mobilität stark eingeschränkt oder nicht gehfähig, bei Bewohnern ohne Schmerzen betrug dieser Anteil knapp 67 Prozent.
  • Die Hälfte der Bewohner war nicht gehfähig. Bei den Bewohnern mit kognitiver Beeinträchtigung betrug der Anteil der nicht gefähigen Personen 75 Prozent, bei den Bewohnern ohne kognitive Einschränkungen war der Anteil mit knapp 38 Prozent deutlich niedriger.
  • Zwischen Zahl der Medikamente und Mobilität wurde eine negative Korrelation festgestellt, mehr Medikamente gingen also mit einer verminderten Mobilität einher.
  • 85  Prozent der Bewohner mit dauerhafter Analgetika-Therapie waren in der Mobilität stark eingeschränkt. Bei den Bewohnern ohne Analgetika betrug dieser Anteil 72 Prozent. 
  • Fast alle Bewohner - knapp 97 Prozent - hatten mindestens eine „potenziell mobilitätsmindernde“ Diagnose (unter anderen Demenz, Depression, Arthrose und Polyneuropathie).
  • Ein Zusammenhang zwischen Schmerzprävalenz, Schmerzintensität und Mobilität konnte nur bei kognitiv leistungsfähigen Bewohnern gezeigt werden. 

Klinische Bedeutung

Der Studie zufolge sind kognitiv beeinträchtige Bewohner von Altenheimen häufiger von Schmerzen betroffen als kognitiv nicht betroffene. Allerdings seien, wie die Autoren selbst betonen, diese Ergebnisse zu Schmerzen bei alten Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung „mit Vorsicht zu betrachten, da die Schmerzerfassung häufig durch eine unzureichende Verbalisierung von Schmerz erschwert ist“; auch die Fremdbeobachtung könne „aufgrund der kognitiven Einschränkung minimiert sein“. Dies zeigt nach Angaben der Autoren „die Notwendigkeit, die Umgebungsfaktoren einzubeziehen, um das beobachtete Verhalten bewerten zu können, sowie weitere Assessments zur Schmerzbeurteilung heranzuziehen“. Und „da es sich hier um ein für die Praxis relevantes Problem handelt“, sei weitere Forschung zur sicheren Diagnose von Schmerzen bei dieser Patientengruppe erforderlich.

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