Schlechte Ernährung in Europa weiterhin eine häufige Ursache für kardiovaskuläre Todesfälle


  • Dr. med. Thomas Kron
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Von insgesamt 4,3 Millionen kardiovaskulären Todesfällen im Jahr 2016 in Europa gehen fast 2,1 Millionen auf eine unausgewogene Ernährung zurück. Auf die 28 Mitgliedstaaten der EU entfallen davon rund 900.000, auf Deutschland etwa knapp 165.000, auf Russland 600.000 und auf die Ukraine 250.000 Todesfälle. Jeder zweite bis dritte vorzeitige Todesfall könnte durch eine bessere Ernährung vermieden werden. 

Hintergrund

Der Zusammenhang zwischen Ernährung und Herzgefäß-Krankheiten ist seit Jahrzehnten bekannt und wird immer wieder durch epidemiologische und andere Studien gestützt. Die Bedeutung der Studien-Resultate geht über die Medizin und auch das Gesundheitswesen hinaus. Relevant sind die Resultate unter anderem auch für politische Entscheidungsträger wie die seit Jahren geführten Diskussionen um die „Zuckersteuer“ und Kennzeichnungspflicht bei Lebensmitteln zeigen.

Design

Für die Studie wertete ein Forscherteam repräsentative Daten der globalen Krankheitslastenstudie (Global Burden of Disease Study) von 1990 bis 2016 aus. Sie analysierten, wie häufig Herz-Kreislauf-Erkrankungen, zum Beispiel Herzinfarkte oder Schlaganfälle, in den 51 Ländern vorkamen, die von der Weltgesundheitsorganisation als „europäische Region" zusammengefasst werden. Hierzu gehören ausser den EU-Mitgliedsstaaten und weiteren europäischen Ländern auch mehrere Staaten Vorder- und Zentralasiens, wie Armenien, Aserbaidschan, Israel, Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan, Türkei, Turkmenistan und Usbekistan. Auf Basis des Lebensmittelkonsums und weiterer Risikofaktoren der jeweiligen Staaten errechneten die Forscher den Anteil der Todesfälle, der auf eine unausgewogene Ernährung zurückzuführen ist. Dazu zählen die Wissenschaftler laut einer Mitteilung etwa einen zu geringen Verzehr von Vollkornprodukten, von Nüssen und Samen sowie von Gemüse und einen zu hohen Salzkonsum.

Hauptergebnisse 

Der Ländervergleich zeigt deutliche Unterschiede: 2016 waren in Deutschland fast 165.000 Todesfälle (46 Prozent aller kardiovaskulären Todesfälle), in Italien 97.000 (41 Prozent), in Großbritannien 75.000 (41 Prozent) und in Frankreich 67.000 (40 Prozent) mit einer unausgewogenen Ernährung assoziiert. In Israel und Spanien war dagegen nur jeder dritte vorzeitige kardiovaskuläre Todesfall ernährungsbedingt. 

Spezifische Länderprofile zeigten, dass in Schweden und Norwegen ein zu geringer Verzehr von Nüssen und Samen zu den meisten ernährungsbedingten Herz-Kreislauf-Erkrankungen beiträgt. In vielen zentral- und osteuropäischen sowie zentralasiatischen Ländern ist der zu geringe Verzehr von Vollkornprodukten bzw. der zu hohe  Verzehr von ballaststoffarmen Weißmehlprodukten der Hauptrisikofaktor. "In Albanien, Aserbaidschan und Usbekistan haben sich entsprechende Fallzahlen im betrachteten Zeitraum sogar mehr als verdoppelt", sagt der Studienleiter Dr. Toni Meier von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU).

Große Unterschiede fand das Team auch in Bezug auf Alter und Geschlecht: Männer waren tendenziell bereits in jüngeren Jahren betroffen, Frauen dagegen erst ab dem 50. Lebensjahr. 2016 starben rund 601.000 Menschen unter 70 Jahren an den Folgen einer ernährungsbedingten Herz-Kreislauf-Erkrankung; davon 420.000 Männer und 181.000 Frauen. Der höchste Anteil an ernährungsbedingten Todesfällen bei den unter 70-Jährigen wurde in Zentralasien beobachtet, hier waren es 42,5 Prozent. In den EU-Mitgliedsstaaten konnten die Forscher 178.000 vorzeitige ernährungsbedingte Todesfälle - 132.000 bei Männern und 46.000 bei Frauen - aufzeigen, was einem Anteil von knapp 20 Prozent bei kardiovaskulären Todesfällen entspricht.

Klinische Bedeutung

„Unsere Ergebnisse sind von entscheidender gesundheitspolitischer Relevanz und sollten unbedingt bei der Entwicklung zukünftiger Präventionsstrategien berücksichtigt werden", ergänzt Prof. Dr. Stefan Lorkowski von der Universität Jena, Koautor der Studie und Sprecher des Kompetenzclusters nutriCARD. „Wir müssen das Potenzial einer ausgewogenen und gesundheitsfördernden Ernährung besser nutzen, sonst werden kardiometabolische Erkrankungen zukünftig noch mehr vermeidbare Todesfälle verursachen.“

Dass es auch in Deutschland hier noch einiges zu verbessern gibt, lässt auch der aktuelle Ernährungsreport 2019 vermuten: Fast 30 Prozent der Bevölkerung essen nicht täglich Obst und Gemüse; bei den Männern liegt der Anteil sogar bei fast 40 Prozent. Und: Leibgerichte der Deutschen sind vor allem Braten, Schnitzel, Gulasch.

Finanzierung: Bill and Melinda Gates Foundation, Universität Halle-Wittenberg  und Bundesministerium für Forschung und Bildung