Schlagzeuger sind offenbar ganz besondere Lebewesen


  • Dr. med. Thomas Kron
  • Smalltalk
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Kernbotschaften

Menschen, die jahrelang regelmäßig Schlagzeug spielen, haben eine andere Hirnstruktur und -aktivität als unmusikalische Menschen. Kernspintomografische Untersuchungsbefunde von Bochumer Neurowissenschaftlern deuten darauf hin, dass Schlagzeuger weniger, aber dafür dickere Fasern im Corpus callosum, dem Hauptverbindungstrakt zwischen den beiden Hirnhälften, besitzen. Außerdem sollen die motorischen Hirnareale der Musiker effizienter organisiert sein. Über diese Ergebnisse der Untersuchungen berichten das Forscherteam um Dr. Lara Schlaffke vom Universitätsklinikum Bergmannsheil in Bochum und Privatdozent Dr. Sebastian Ocklenburg von der Ruhr-Universität Bochum im Fachmagazin „Brain and Behavior.

Ungewöhnliche motorische Fähigkeiten

„Dass das Spielen eines Musikinstruments das Gehirn über neuroplastische Prozesse verändern kann, ist seit Langem bekannt“, sagt Sarah Friedrich, die ihre Bachelorarbeit über dieses Projekt geschrieben hat. Die Bochumer Forscher interessierten sich für Schlagzeuger, weil deren motorische Koordination die von untrainierten Menschen weit übertrifft. „Die meisten Menschen können feinmotorische Aufgaben nur mit einer Hand ausführen und haben Probleme, mit beiden Händen gleichzeitig unterschiedliche Rhythmen zu spielen“, erklärt Lara Schlaffke. „Schlagzeuger können Dinge, die für untrainierte Menschen unmöglich sind.“

Untersuchungen mit fMRT

Welche zerebralen Veränderungen dieses Training mit sich bringt, wollte das Team nun mit Hilfe moderner bildgebender Verfahren herausfinden. Die Wissenschaftler testeten 20 professionelle Schlagzeuger, die ihr Instrument durchschnittlich seit 17 Jahren spielten und aktuell mehr als zehn Stunden pro Woche übten. Schlaffke und ihre Kollegen untersuchten sie mit verschiedenen MRT-Bildgebungstechniken. Die Daten verglichen sie mit Messungen von 24 unmusikalischen Probanden. Beide Gruppen mussten zunächst Schlagzeug spielen, um ihre Fähigkeiten zu testen; dann wurden sie im MRT-Scanner untersucht.

Weniger ist wohl auch im Corpus Callosum mehr

Schlagzeuger zeigten deutliche Unterschiede im vorderen Teil des Corpus Callosums, einer Hirnstruktur, deren vorderer Teil an der Planung der Motorik maßgeblich beteiligt ist. Die Daten deuteten darauf hin, dass die Schlagzeuger weniger, aber dickere Fasern in diesem wichtigen Verbindungstrakt zwischen den Hirnhälften haben. Dadurch können die Musiker Informationen schneller zwischen den Hirnhälften austauschen als die Kontrollpersonen. Die Struktur des Corpus Callosums sagte auch die Leistung beim Schlagzeug-Test voraus: Je höher das Maß für die Dicke der Fasern im Corpus Callosum war, desto besser waren die Fähigkeiten beim Schlagzeugspielen. Außerdem war das Gehirn von Schlagzeugern bei motorischen Aufgaben weniger aktiv als das der Probanden der Kontrollgruppe. Dieses Phänomen wird als Sparse Sampling bezeichnet: Eine effizientere Hirnorganisation in den Arealen sorgt für weniger Aktivierung bei Profis.

Keine Wissenschaft im Elfenbeinturm

Solche Untersuchungen werden übrigens nicht nur durchgeführt, um wissenschaftliche Neugier zu befriedigen. Sie können auch womöglich auch für die Neurorehabilitation genutzt werden, wie kürzlich kanadische Wissenschaftler berichtet haben. In einer aktuellen kontrollierten Studie haben finnische und spanische Forscher gerade weitere Hinweise auf positive kognitive Effekte einer Musiktherapie bei Patienten mit traumatischem Hirnschaden festgestellt. Bereits vor zwei Jahren berichteten italienische Wissenschaftler, dass Sport und Schlagzeugspielen ähnliche positive Effekte auf die Kognition hätten. 

Schlagzeuger gesucht

Das Forschungsteam um Lara Schlaffke hat bereits ein Nachfolgeprojekt gestartet, um herauszufinden, wie sich besonders lange Erfahrung beim Schlagzeugspielen auf das Gehirn auswirkt. Dazu suchen die Neurowissenschaftlerinnen derzeit Schlagzeuger und Nicht-Musiker im Alter zwischen 45 und 70 Jahren. Interessenten können sich per E-Mail an lara.schlaffke@rub.de melden.

Förderung: Die Medizinische Fakultät der Ruhr-Universität Bochum unterstützte die Studie von Lara Schlaffke und ihren Kollegen im Forum-Programm (FoRUM F876-16). Weitere Förderung kam von der Deutschen Forschungsgemeinschaft im Rahmen des Sonderforschungsbereichs 874 (Projektnummer 122679504).