Schlaganfälle bei COVID-19: kein Beleg für ein spezifisch erhöhtes Risiko

  • New England Journal of Medicine

  • von Dr. med. Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaften 

In den vergangenen Wochen sind mehrere Berichte zu Schlaganfällen bei COVID-19-Patienten veröffentlicht worden. Ärzte aus einem Krankenhaus in New York City haben nun sogar über Schlaganfälle durch Verschluss großer Gefäße bei unter 50-jährigen COVID-19-Patienten berichtet, die nur mäßig ausgeprägte respiratorischen Symptome hatten. 

Selten respiratorische Symptome

Die Patienten, vier Männer und eine Frau, waren zwischen 33 und 49 Jahre alt.  Wie die US-Autoren unter anderem berichten, hatte die 33-jährige Frau zunächst typische Infekt-Symptome (Husten, Kopfschmerzen und Schüttelfrost), entwickelte dann aber auch eine progrediente fortschreitende Dysarthrie  sowie Taubheit und Schwäche im linken Arm und im linken Bein. Bei der verzögerten Ankunft (28 Stunden nach Beginn der Schlaganfall-Symptome) im Krankenhaus betrug der Wert auf der „National Institutes of Health Stroke Scale (NIHSS) 19 (Werte reichen von 0 bis 42, wobei höhere Zahlen einen höheren Schweregrad des Schlaganfalls anzeigen). Computertomographie und CT-Angiographie zeigten einen rechtsseitigen partiellen Infarkt sowie einen teilweise okklusiven Thrombus in der rechten Halsschlagader. 

Zwei der fünf Patienten hatten den Autoren zufolge keine respiratorischen Symptome, zwei weitere Patienten waren lethargisch, nur einer von ihnen hatte Fieber.  Ein einziger Patient nahm Medikamente (ASS und ein Statin). Die Dauer von Beginn der Schlaganfall-Symptome bis zur Vorstellung im Krankenhaus reichte von zwei bis 28 Stunden. 

Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Neurologie

Aufgrund dieser und anderer neuer Daten zu Schlaganfällen bei COVID-19-Patienten hat die Kommission „Zerebrovaskuläre Erkrankungen“  der Deutschen Gesellschaft für Neurologie folgende Hinweise veröffentlicht:

Verschiedene Fallserien berichten Raten ischämischer Schlaganfälle bei hospitalisierten COVID-19-Patienten zwischen 1,6% und 5%. Im Einzelnen betrug die Rate ischämischer Schlaganfälle 1,6% in einer niederländischen Fallserie, 2,5% in einer Fallserie aus Mailand und 2,8 sowie 5 Prozent in zwei Fallserien aus Wuhan. Die Rate zerebrovaskulärer Ereignisse war dabei höher bei Patienten mit schweren respiratorischen Verläufen;  Patienten mit zerebrovaskulären Ereignissen wiesen zumeist klassische vaskuläre Risikofaktoren auf. In der Summe scheinen die Schlaganfall-Raten in diesen Fallserien damit in einem Bereich zu liegen, der für Patienten mit schweren Infektionserkrankungen nicht ungewöhnlich ist. Ein Hinweis auf ein spezifisch erhöhtes Schlaganfallrisiko bei einer Infektion mit SARS-CoV-2 ergibt sich laut der Kommission aus diesen Zahlen daher aktuell nicht.

Erhöhte D-Dimer-Spiegel bei diesen Patienten weisen auf eine aktivierte Gerinnung als mögliche Ursache thromboembolischer Ereignisse bei COVID-19 Patienten hin. Eine aktuelle Publikation weist auch auf Antiphospholipid-Ak als Ursache von Koagulopathien bei COVID-19 Patienten hin.

Bemerkenswert an der Fallserie der jungen Patienten sei die Tatsache, „dass die Patienten zumeist keine schweren respiratorischen Symptome zeigten“. Weiterhin beunruhigend sei die Beobachtung, dass 4 dieser 5 Patienten sich mit ihren Schlaganfallsymptomen nur verzögert zur Behandlung vorgestellt hätten, was durch „Corona-Angst“ erklärt werde. Ob dies nur eine zufällige lokale Häufung einer bestimmten Patienten-Gruppe darstelle oder den Hinweis auf eine besondere Risikogruppe, bleibe abzuwarten. Bisher seien von keiner anderen Arbeitsgruppe ähnliche Häufungen von jungen Patienten mit großen Gefäßverschlüssen und SARS-CoV-2 Infektion beschrieben worden.