Schlaganfall: Fachgesellschaft sieht Akut-Versorgung der Patienten bedroht

  • Deutsche Schlaganfall-Gesellschaft

  • von Dr. med. Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaften

Im Vorfeld des Tages gegen den Schlaganfall am kommenden Freitag bekräftigt die Deutsche Schlaganfall-Gesellschaft (DSG), wie wichtig für schwer betroffene Patienten eine zeitnahe Versorgung in exzellenten Spezialkliniken – den sogenannten Stroke Units – ist. Der hohe Qualitätsstandard sei nun durch mögliche Veränderungen in der Vergütung gefährdet, warnt die Fachgesellschaft. Außerdem gebe es weiterhin Defizite bei der Schlaganfall-Nachsorge, so dass auch hier Handlungsbedarf bestehe. 

Therapieerfolg durch interdisziplinäre Versorgung

In Deutschland gibt es derzeit 328 zertifizierte Stroke Units. Alle Schlaganfall-Patienten sollten in einer dieser Stroke Units behandelt werden, dann seien die Chancen auf einen guten klinischen Verlauf hoch, so Professor Dr. Armin Grau, 1. Vorsitzender der DSG.  „Für den Therapieerfolg ist es hier entscheidend, dass Spezialisten aus verschiedenen Disziplinen – also vor allem Neurologen und Neuroradiologen – innerhalb kurzer Zeit die optimale Therapie einleiten“, sagt Professor Dr. Wolf-Rüdiger Schäbitz, Pressesprecher der DSG. Bei schwer betroffenen Patienten kann dann, in der Regel in einer der überregionalen Stroke Units, von denen es in Deutschland aktuell 117 durch die DSG zertifizierte gibt, eine Thrombektomie vorgenommen werden.

Um der gestiegenen Behandlungskomplexität Rechnung zu tragen, konstituieren sich gerade in Deutschland überregionale Neurovaskuläre Netzwerke. Zu einem neurovaskulären Netzwerk schließen sich große Einrichtungen mit Spezialabteilungen wie Neurochirurgie, Neurointensivstation, Neuroradiologie und Gefäßchirurgie mit kleineren, regionalen Zentren zusammen. „Für eine gute Qualität erscheint uns eine Bündelung der Kompetenzen geboten. Dies muss allerdings auf die regionalen Bedürfnisse angepasst werden und erfordert daher individuelle Lösungen“, sagt Schäbitz. 

Kritik an einem Urteil des Bundessozialgerichts zur Vergütung

Bislang zahlten die Krankenkassen eine gesonderte Vergütung für diesen apparativen und personellen Aufwand. Doch ein Urteil des Bundessozialgerichts vom Juni 2018 gefährdet laut DSG die Versorgung in Deutschland: Zukünftig soll eine gesonderte Vergütung nur noch an Krankenhäuser entrichtet werden, die den Transport eines Patienten innerhalb von 30 Minuten ab der Entscheidung für eine Verlegung in eine Spezialeinheit garantieren können; bisher galt eine reine Transportzeit von 30 Minuten. Wenn diese Regelung umgesetzt werden müsse, sei die wirtschaftliche Existenz vieler entlegenerer Stroke Units bedroht, weil sie dann für keinen ihrer Schlaganfall-Patienten – auch wenn sie ihn gar nicht verlegen müssten– die gesonderte Vergütung mehr erhielten. Aufgrund des genannten Urteils sei weiterhin eine hohe Zahl an Klagen von Krankenkassen gegen Krankenhäuser anhängig. Grau: „Die DSG erwartet, dass die Krankenkassen auf Forderungen an die Krankenhäuser, die auf dem Urteil beruhen, verzichten. Ansonsten können Versorgungslücken zum Nachteil der Patienten entstehen.“,

Schlaganfall auch eine chronische Krankheit

Auch bei der Schlaganfall-Nachsorge gibt es aus Sicht der DSG Handlungsbedarf. Zahlreiche Risikofaktoren wie etwa Bluthochdruck, Vorhofflimmern, Rauchen, Bewegungsmangel oder ungesunde Ernährung tragen zum Risiko bei und werden nach einem Schlaganfall nicht immer ausreichend behandelt oder abgestellt. Außerdem treten nach Schlaganfällen häufig Komplikationen auf wie Depressionen oder Angstzustände, Stürze oder Einschränkungen der geistigen Leistungsfähigkeit. Diese müssen rechtzeitig erkannt und behandelt werden beziehungsweise muss ihnen vorgebeugt werden. „Wir sollten einen Schlaganfall nicht nur als Notfall, sondern auch als eine chronische Krankheit einstufen“, fordert Schäbitz vom Evangelischen Klinikum Bethel in Bielefeld. Eine engere Zusammenarbeit zwischen Klinik- und Hausärzten sei daher in der Nachsorge von Schlaganfällen sehr wichtig.

Auch eine Umfrage unter Ärzten und Physiotherapeuten zeigt, dass hier noch einiges zu verbessern ist. Befragt wurden Klinikärzte aus der stationären neurologischen Rehabilitation, Hausärzte und ambulant tätige Physiotherapeuten aus Baden-Württemberg und Bayern. Themen waren der Rehaentlassungsprozess, die Nachsorge im Anschluss an den Rehaaufenthalt sowie die interdisziplinäre Kooperation und Kommunikation. Bemängelt wurden insbesondere die interdisziplinäre Kooperation und Kommunikation. So zeigten sich bei der Qualitätsbewertung der Entlassungsvorbereitung aus der stationären Rehabilitationseinrichtung unter den Berufsgruppen deutliche Unterschiede. Physiotherapeuten bewerteten die Entlassungsvorbereitung im Durchschnitt mit ausreichend, Klinikärzten mit gut und Hausärzte mit befriedigend. Ähnliche Ergebnisse gab es bei der Beurteilung der Qualität des Versorgungssystems in der Nachsorge. Knapp zwei Drittel der Physiotherapeuten sind mit der Zusammenarbeit mit Klinikärzten „eher bis sehr unzufrieden“.  Hausärzte zeigen sich mit fast 50 Prozent (48,1%) ebenso „eher bis sehr unzufrieden“ mit der Zusammenarbeit mit Klinikärzten. Im Unterschied zu den ambulant tätigen Therapeuten sind die Klinikärzte mit der Zusammenarbeit zufriedener.