Schilddrüsenkrebs in Fukushima: Screening findet zu 98 % papilläre Karzinome


  • Michael Simm
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaft

Eine Ultraschall-Screening der Schilddrüse bei Kindern und Jugendlichen nach dem Reaktorunfall von Fukushima findet unter 300.000 Individuen 187 Fälle meist papilläre Karzinome mit sehr guter Prognose.

Hintergrund

Die Strahlenexposition der Bevölkerung nach der Zerstörung der Kernkraftanlage von Fukushima im März 2011 wird als wesentlich geringer eingestuft als nach dem Unglück von Tschernobyl im Jahr 1986. Die Bevölkerung war dennoch alarmiert, und da die Schilddrüse besonders strahlenempfindlich ist, hat man im Rahmen der Fukushima Health Management Survey bei jungen Menschen ein Ultraschall-Screening dieses Organs durchgeführt.

Design

Ziel der Studie war es, die Zahl und die klinischen Charakteristika der bei Kindern und Jugendlichen in den ersten 5 Jahren nach dem Unfall gefundenen Schilddrüsen-Karzinome zu bestimmen. Eingeschlossen wurden 324.301 Individuen, die zum Zeitpunkt des Unfalls 18 Jahre oder jünger waren. Patienten mit bestätigter- oder Verdachtsdiagnose eines malignen Schildrüsenkarzinoms wurden ein Mal im Zeitraum 2011 – 2013 untersucht, und ein weiteres Mal im Zeitraum 2014 – 2015. Die Teilnehmer wurden in Altersgruppen von jeweils 3 Jahrgängen unterteilt und die Ergebnisse mit den Daten von nicht gescreenten Personen aus einem nationalen Krebsregister verglichen.

Hauptergebnisse

  • In der ersten Screening-Runde ergaben sich bei 299.905 Individuen im mittleren Alter von 14,9 Jahren 116 bestätigte  bzw. Verdachtsdiagnosen eines malignen Schildrüsenkarzinoms. Beim zweiten Screening von 271.083 Individuen (mittleres Alter 12,6 Jahre) wurden 71 Fälle erfasst.
  • Bei 149 von insgesamt 152 operierten Patienten (98 %) handelte es sich um papilläre Schilddrüsenkarzinome. Deren Häufigkeit nahm mit zunehmendem Alter bei beiden Screenings in ähnlicher Weise zu. Die anderen 3 Fälle wurden als gutartiger Knoten, wenig differenziertes und sonstiges Schilddrüsenkarzinom diagnostiziert.
  • Die durch das Ultraschall-Screening ermittelten Inzidenzraten betrugen in der Gruppe der 15– bis 17-jährigen 29, bei Personen zwischen 18 und 20 Jahren 48, und bei Individuen zwischen 21 und 22 Jahren 64 Fälle pro 100.000 Personenjahre. Diese Raten sind um das 63-fache, 50-fache bzw. 38-fache höher, als diejenigen des japanischen Nationalen Krebsregisters für die entsprechenden Altersgruppen.

Klinische Bedeutung

Die Autoren stellen in den Vordergrund, dass ihre Studie die Tauglichkeit eines Ultraschall-Screenings nahelegt, um bei jungen Menschen aus einer großen Zahl nichtklinischer und subklinischer Schilddrüsenkarzinome „viele“ nachweisbare Krebsfälle zu identifizieren. Der Vergleich mit den Daten des japanischen Krebsregisters ergibt eine etwa 50-fach erhöhte Rate, die jedoch nach Ansicht der Autoren eher die Probleme eines Massenscreenings aufzeigt, und wahrscheinlich nicht auf die erhöhte Strahlung zurückzuführen sei. Wie die Kommentatoren Andrew Bauer (University of Pennsylvania) und Louise Davies (Geisel School of Medicine at Dartmouth) erklären, betrug die Latenz zwischen der Strahlenbelastung in Tschernobyl und der Entwicklung einer großen Zahl von Schilddrüsenkrebserkrankungen 3 -5 Jahre. Japan hat im Gegensatz zur Ukraine eine sehr gute Jod-Versorgung, was die Aufnahme radioaktiver Substanzen reduzieren und zu längeren Latenzzeiten von etwa 5 – 10 Jahren führen sollte. Die hier ermittelten Zahlen wurden bereits 2 bzw. 4 Jahre nach dem Unfall ermittelt, man fand überwiegend frühe papilläre Karzinome mit ausgezeichneter Prognose, und nur wenige Tumoren hatten die für eine Strahlenexposition typischen RET/PTC-Umlagerungen in der Erbsubstanz.  Die aktuelle Untersuchung liefert somit vor allem einen Referenzwert, um die Planung künftiger Screeningprogramme zu verbessern und Überdiagnosen zu vermeiden.

Finanzierung: Präfektur Fukushima.