Schilddrüsen-Knoten: Überdiagnostik und Übertherapie?

  • Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie/Der Onkologe

  • von Dr. med. Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaften

In Deutschland werden Patienten mit Schilddrüsen-Knoten häufig operativ behandelt. Es gebe zwar rückläufige Trends, aber die Operationshäufigkeit sei noch immer doppelt so hoch wie in anderen europäischen Ländern, meldet die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie. Mit modernen Ultraschallgeräten und Untersuchungsverfahren könnten Knoten sicher und für Patienten schonend untersucht werden; zudem sei so die Zahl „unnötiger“ Operationen zu reduzieren, betont die Fachgesellschaft im Vorfeld der 4. Deutschen Hormonwoche.

Oft ein Zufallsbefund

 Etwa 50 bis 70 Prozent der Menschen in Deutschland haben Knoten in der Schilddrüse (SD). Viele davon können bereits mit Abtasten nachgewiesen werden, andere werden „zufällig“ entdeckt, da bildgebende Verfahren zur Diagnostik immer verbreiteter sind. „Durch die Zufallsbefunde hat die Häufigkeit von SD-Knoten insgesamt zugenommen“, sagt der Endokrinologe Professor Dr. Jörg Bojunga vom Universitätsklinikum Frankfurt am Main.

Die meisten Betroffenen haben keine Beschwerden oder Funktionsstörungen. Dennoch müssen die Knoten genau untersucht werden, um festzustellen, ob es sich um gutartige Knoten oder um malignes Gewebe handelt. „Das Schilddrüsenkarzinom ist eine seltene Tumorerkrankung. Etwa fünf von 100 000 Menschen erkranken“, erklärt Bojunga. Für den Behandlungsalltag ergibt sich daraus für Ärzte eine große Herausforderung: Zum einen eine hohe Zahl zufällig entdeckter Knoten, die es abzuklären gilt, zum anderen das Wissen, dass diese Knoten ein sehr niedriges Entartungsrisiko haben.

In Ländern wie beispielsweise Südkorea, in denen Screening-Programme für Schilddrüsenkrebs angeboten wurden, kann man exemplarisch sehen, wie aus dieser Konstellation eine Überdiagnostik und -therapie entsteht. In dem asiatischen Land kam es durch die Ultraschall-Untersuchungen zu einer 1500-prozentigen Zunahme von SD-Krebs, meist von kleinen Karzinomen, die dann operiert wurden. 

Mehr Operationen, mehr Komplikationen

Mit den steigenden Operationen, stiegen auch die Zahlen der Komplikationen: Zwei Prozent der Operierten hatten beispielsweise Lähmungen der Stimmbandnerven. Die Sterblichkeit blieb dabei trotz des Screenings unverändert. „In Deutschland ist die Zahl der SD-Operationen zwar rückläufig, im Vergleich zu anderen europäischen Ländern jedoch immer noch doppelt so hoch: Pro 100 000 Einwohner sind es hierzulande etwa 100 Operationen“, sagt Bojunga. Komplikationen bei unnötigen Operationen führen dann in erster Linie zu einer Verschlechterung der Lebensqualität der Patienten, ohne dass deren Lebenserwartung steigt.

Auch Professor Dr. Matthias M. Weber vom Universitätsklinikum Mainz erklärt: „Das bloße Vorhandensein von SD-Konten erfordert weder automatisch eine medikamentöse Therapie noch eine Operation. Mithilfe der modernen bildgebenden Verfahren können wir ganz im Sinne der ‚Klug Entscheiden-Initiative‘ eine Überversorgung vermeiden und dem Patienten damit unnötige und auch ängstigende Verfahren ersparen.“

Mehr Diagnostik, mehr Karzinome

Auf das Problem der Überdiagnostik weisen auch die Autoren eines aktuellen Fachzeitschriften-Beitrags hin. Anhand von Routinedaten der kassenärztlichen Versorgung sind sie in einer Studie in Bayern der Frage nachgegangen, ob es eine Assoziation zwischen der Häufigkeit der SD-Sonographie und der SD-Karzinom-Prävalenz gibt. Ausgewertet wurden  Daten von Versicherten der AOK (Jahr). Ergänzend wurde die Häufigkeit sonstiger SD-Diagnostik sowie von SD-Resektionen analysiert.

Nach Angaben der Autoren bestand eine mäßige Assoziation bei Frauen und bei Männern zwischen der Häufigkeit der SD-Sonographie einerseits sowie der SDK-Prävalenz andererseits. Pro 1000 zusätzlich durchgeführte SD-Sonographien sei die Zahl prävalenter SDK-Erkrankungen bei Frauen um 5,4 und bei Männern um 4,5 an. Dies entspreche einem Anstieg der absoluten SDK-Prävalenz um eins pro 185 (Frauen) bzw. um eins pro 222 (Männer) zusätzlich durchgeführte SD-Sonographien. Diese Ergebnisse geben den Autoren zufolge „erste Hinweise auf das Vorliegen einer Überdiagnostik als eine der Ursachen des beobachteten SDK-Inzidenzanstiegs bei rückläufiger SDK-Mortalität“.