Schädel-Hirn-Trauma: Ursache meist Stürze und nicht mehr Verkehrsunfälle

  • BMJ Open

  • von Dr. med. Thomas Kron
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Schädel-Hirn-Verletzungen betreffen laut einer Auswertung von Daten mehrerer BG-Kliniken vermehrt über 65-jährige Menschen. Ursache waren nicht Verkehrsunfälle, sondern Stürze. Bei den Verkehrsunfällen waren vor allem Fahrradfahrer ohne Helm betroffen und nicht mehr wie früher Pkw-Insassen. 

Hintergrund

Vom leichten Sturz mit dem Fahrrad bis zum schweren Verkehrsunfall mit einem Motorrad: Die Ursachen für ein Schädel-Hirn-Trauma (SHT) sind vielfältig. Betroffen seien in Deutschland Schätzungen zufolge jährlich 250 bis 350 Menschen pro 100.000, berichten die Autoren der Studie. Das Spektrum der Schädel-Hirn-Traumata reicht von den häufigen Gehirnerschütterungen über intrakranielle Blutungen (subdural, epidural, subarchnoidal, intrazerebral) mit Hirnödem bis hin zu massiven Hirnschäden ohne radiologisch sichtbare Blutungen, aber mit ausgeprägtem Hirnödem und Hirnstamm-Einklemmung. Insbesondere bei Hochgeschwindigkeit-Unfällen (Motorrad, PKW) kommt es ausserdem häufig zu multiplen Verletzungen, etwa Frakturen der HWS und der Extremitäten. 

Neurologen und Neurochirurgen von sieben BG-Kliniken (Bochum, Hamburg, Berlin, Halle, Frankfurt am Main, Ludwigshafen und Murnau) haben nun unter anderem untersucht, ob es einen erkennbaren Zusammenhang zwischen der Schwere eines Schädel-Hirn-Traumas, dem Lebensalter und der Ursache gibt. Epidemiologische Daten aus anderen Ländern können nicht einfach auf Deutschland übertragen werden, da es zu große Unterschiede bei der SHT-Inzidenz und auch der Klassifikation der Verletzungen gibt. 

Design

In die Studie eingeschlossen wurden insgesamt 3514 Patienten und Patientinnen (Frauen-Anteil 40,8 Prozent). Das Durchschnittsalter betrug knapp 55 Jahre. Alle Patienten wurden im Zeitraum zwischen dem 1. Oktober 2014 und dem 30. September 2015 in einer der beteiligten BG Kliniken versorgt. Voraussetzung war, dass die Versorgung innerhalb der ersten 24 Stunden nach dem Erleiden des Schädel-Hirn-Traumas stattgefunden hatte. Die Ergebnisse wurden mit zwei verschiedenen Verfahren erhoben: Zum einen durch die Auswertung der Dokumentationsbögen von der Erstversorgung bis zur Rehabilitation, zum anderen durch standardisierte Telefoninterviews mit den Patienten jeweils 3 und 12 Monate nach dem Trauma. Seit 2000/2001 wurde in Deutschland keine derart groß angelegte Studie zur Entstehung von Schädel-Hirn-Traumata mehr veröffentlicht. 

Die Hauptergebnisse

  • Stürze waren mit einem Anteil von 51,6 Prozent der häufigste Auslöser eines Schädel-Hirn-Traumas, gefolgt von Verkehrsunfällen mit 21,5 Prozent.
  • Bei den Verkehrsunfällen stellten nicht mehr Pkw-Insassen (28,3%), sondern Fahrradfahrer ohne Helm mit 32,1 Prozent die größte Gruppe dar.
  • Ein Viertel aller Patienten war 75 Jahre alt oder älter.
  • Spitzenwerte wurden bei Männern in den frühen 20-er und mittleren 50-er Jahren und bei beiden Geschlechtern in den späten 70-er Jahren identifiziert.
  • Bei 14,4 Prozent der Patienten mit SHT war Alkohol-Konsum ein für das Trauma relevanter Kofaktor, bei 0,3 Prozent der Konsum illegaler Drogen; bei 0,5 Prozent spielten Alkohol und illegale Drogen eine Rolle.
  • Obwohl die meisten Verletzungen als leicht eingestuft wurden, berichtete ein Drittel der Patienten, die an der telefonischen Befragung nach 12 Monaten teilnahmen, immer noch über Beschwerden, die auf ein SHT zurückzuführen waren. Negative Prädiktoren bei leichtem SHT waren weibliches Geschlecht, intrakranielle Blutungen und Glasgow Coma Scale (GCS) 13/14.

Klinische Bedeutung

„Wir registrieren eine deutliche Verschiebung der mehrheitlich betroffenen Altersgruppe hin zu der älteren Generation. Ein Phänomen, das man in nahezu allen Industriestaaten beobachten kann“, erklärt Prof. Dr. Peter Schwenkreis, Oberarzt der Neurologischen Klinik im Bergmannsheil in einer Mitteilung der BG-Klinik in Bochum. Gerade bei älteren Frauen und Männern seien Stürze die häufigste Ursache. „Ältere Menschen sind deutlich anfälliger für Stürze und erleiden so schneller ein Schädel-Hirn-Trauma als andere Altersgruppen. Zudem liegt der Schweregrad der Verletzung hier höher“, konkretisiert der Neurologe. „Das erklärt auch, warum wir in dieser Altersgruppe einen Anstieg von Todesfällen verzeichnen, die durch eine derartige Verletzung verursacht wurden.“

Da mittelschwere bis schwere Schädel-Hirn-Traumata häufiger bei älteren Menschen auftreten, sehen die Forscher hier einen gesonderten Bedarf für mehr Präventionsarbeit. „Vorstellbar sind hier Trainingsmaßnahmen zum sicheren Gehen, das geschulte Verwenden von Gehhilfsmitteln oder die Umgestaltung der Wohnung durch das Entfernen von Stolperfallen. 

Darüber hinaus ist zudem verstärkt daran zu erinnern, dass Fahrrad-Helme ein notwendiger Schutz sind, von dem nicht nur Kinder, sondern selbstverständlich auch ältere Menschen profitieren können. Dies gilt gerade für ältere Menschen, die nach einigen Jahren der Rad-Abstinenz sich auf ein flottes E-Bike wagen. 

Finanzierung: Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV)