S3-Leitlinie zum Kinderschutz - ein Entwurf und die Bitte um Kommentierung


  • Dr. med. Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaft

Der Schutz der Jüngsten in unserer Gesellschaft stößt im Alltag an Grenzen. Daher erarbeitet ein Team des Zentrums für Kinderheilkunde am Universitätsklinikum Bonn eine neue Kinderschutzleitlinie für Mediziner, Pädagogen und die Jugendhilfe, die im Umgang mit Verdachtsfällen hilft. Es ist deutschlandweit die erste Leitlinie dieser Art. Ziel ist es, allen beteiligten Berufsgruppen wie Ärzten, Lehrern und Sozialarbeiter eine größere Sicherheit im Umgang mit den verschiedenen Formen der Misshandlung, sexuellem Missbrauch und Vernachlässigung zu geben.

Die vorläufige Fassung der Leitlinie ist jetzt unter https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/027-069KF.html abrufbar. In der öffentlichen Konsultationsphase sind alle Interessierten dazu aufgerufen, die Leitlinie bis zum 30. November zu kommentieren.

Hintergrund

Vernachlässigung, Kindesmisshandlung und sexueller Missbrauch von Kindern sind gravierende Formen der Kindeswohlgefährdung. Im vergangenen Jahr starben 143 Kinder in Deutschland durch Gewalt. Laut Polizeilicher Kriminalstatistik 2017 wurden zudem 13.539 Kinder Opfer von sexuellem Missbrauch. Tatsächlich dürfte, so die Autoren der Leilinie, die Dunkelzahl der nicht angezeigten Straftaten viel höher liegen, zumal die Opfer von Misshandlung und Vernachlässigung im eigenen Zuhause nur sehr begrenzt auf sich aufmerksam machen könnten.

Schwer zu erkennen: emotionale Misshandlung

Besonders schwer fassbar ist eine häufige Form der Kindesmisshandlung - die emotionale Misshandlung. Das liege daran, dass sie kaum sichtbare Spuren hinterlasse und von gesellschaftlichen und innerfamiliären Normen abhänge.  Bei dieser Misshandlungsform beeinträchtigen Bezugspersonen aktiv die psychische Befindlichkeit von Kindern und Jugendlichen. Dies kann der Leitlinie zufolge auf verschiedene Art und Weise geschehen:

  • Entwertung des Kindes oder Jugendlichen durch negative Einstellung (grobe, herabsetzende Sprache; inadäquate Strafen; unrealistische Anforderungen)
  • Instrumentierung des Kindes oder Jugendlichen in elterlichen Konflikten
  • Vermitteln von Schuldgefühlen an das Kind oder den Jugendlichen
  • Verhinderung adäquater Entwicklungsmöglichkeiten.

Besonders viel diskutiert wird seit Jahren und auch aktuell der sexuelle Missbrauch von Kindern. Dies ist laut der Leitlinie jede sexuelle Handlung, die an Mädchen und Jungen gegen deren Willen vorgenommen wird oder der sie aufgrund körperlicher, seelischer, geistiger oder sprachlicher Unterlegenheit nicht wissentlich zustimmen können. Bei Kindern unter 14 Jahren sei grundsätzlich davon auszugehen, dass sie nicht zustimmen könnten. Dies bedeute, dass ein Missbrauch auch bei Einverständnis des Kindes vorliege.

Mögliche Folgen: von schlechten Schulleistungen bis hin zum Suizid

Misshandlung, Vernachlässigung und Missbrauch von Kindern und Jugendlichen können sowohl kurz- als auch langfristige Auswirkungen haben. Laut WHO zählen dazu außer Körperverletzung oder Behinderung oder Tod auch verzögerte kognitive Entwicklung, schlechte Schulleistungen bis hin zum Schulabbruch, psychische Probleme, Suizidversuche, erhöhtes Gesundheitsrisikoverhalten, Reviktimisierung und Gewaltausübung. Weitere, langfristige Folgen, die eng mit dem Vorausgehen einer Gefährdung des Wohls des Kindes oder Jugendlichen in Verbindung gebracht würden, seien es Essstörungen, Fettleibigkeit, Alkohol- und Drogenmissbrauch, Obdachlosigkeit oder Gewalt und kriminelles Verhalten. 

Außer den persönlichen und individuellen Folgen gibt es auch gesellschaftliche Auswirkungen durch Misshandlungen, Vernachlässigungen oder Missbräuche von Kindern und/oder Jugendlichen, wie etwa wirtschaftlichen Kosten. Allein in Deutschland würden die gesellschaftlichen Kosten der Traumafolgen bei gefährdeten Kindern oder Jugendlichen auf 11,1 bis 29,8 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt, schreiben die Leitlinien-Autoren.

Alle Interessierten können kommentieren

Alle in dem Leitlinien-Entwurf enthaltenen 133 Handlungsempfehlungen sind bereits beschlossen und werden nicht mehr geändert. Außer Bevollmächtigten, beteiligten Fachgesellschaften und Organisationen der Jugendhilfe und Pädagogik haben in der öffentlichen Konsultationsphase alle Interessierten die Möglichkeit, die Leitlinie bis zum 30. November zu kommentieren. Die Kommentierenden erhalten keine Rückmeldung; die begründeten Kommentare werden anonymisiert im Leitlinienreport aufgenommen. 

Finanzierung: Die Erstellung der Leitlinie wurde durch das Bundesministerium für Gesundheit gefördert und basiert auf der Empfehlung im Abschlussbericht des Runden Tisches der Kanzlerin zum sexuellen Missbrauch, beschlossen durch die Bundesregierung am 30.11.2011.