Risiko-Kalkulator für die rasche Klärung bei Verdacht auf Herzinfarkt entwickelt

  • New England Journal of Medicine

  • von Dr. med. Thomas Kron
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften 

Bei Verdacht auf einen Herzinfarkt ermöglicht der neue, auch online verfügbare Risiko-Kalkulator „Compass MI“ eine frühere und sicherere Einschätzung als bisher. Grundlage ist ein hoch-sensitiver Troponin-Test. Entscheidend für die Infarkt-Diagnose ist nicht mehr ein fester Grenzwert der Troponin-Konzentration im Blut, sondern das Ansteigen der Troponin-Werte während des Messzeitraums.

Hintergrund

Der hoch-sensitive Troponin-Test hat einen hohen Stellenwert bei der Abklärung von akuten Brustschmerzen, deren Ursache ein Myokardinfarkt sein kann. Mit dem Test ist es allerdings nicht einfach, zwischen einem klassischen Infarkt oder einer Myokardläsion anderer Genese zu unterscheiden. Zudem ist der optimale Zeitpunkt eines zweiten Tests Thema gegenwärtiger Diskussionen. Die Empfehlungen reichen von einer Stunde bis zu sechs Stunden. Zudem ist die Prognose jener Patienten unklar, die zwar keinen Infarkt haben, aber persistierend hohe Troponin-Spiegel. Aus diesem Grund haben die Autoren der vorliegenden Studie ein Verfahren entwickelt, mit dem unter anderem auch die Troponin-Dynamik erfasst werden kann. 

Design

Datenauswertung von mehr als 22.000 Patienten (62 Prozent Männer) aus weltweit 13 Ländern. Bei allen Patienten, die mit Verdacht auf einen Herzinfarkt in eine Notaufnahme kamen, wurden unmittelbar bei der Eingangsuntersuchung und bis zu dreieinhalb Stunden später jeweils die Konzentrationen von Troponin I oder Troponin T gemessen. Für die Analyse wurde ein am UKE entwickelter Algorithmus verwendet.

Hauptergebnisse

Die Herzinfarkt-Prävalenz betrug unter den 22.651 Studienteilnehmern 15,3 Prozent. Ein Spiegel des hoch sensitiven Troponins von unter 6 ng/l und eine absolute Änderung des Wertes um weniger als 4 ng/l nach 45 bis 120 Minuten hatte einen negativen Vorhersage-Wert für einen Infarkt von 99,5 Prozent. Das damit assoziierte 30-Tages-Risiko für Infarkt oder Tod betrug den Berechnungen nach 0,2 Prozent. 

Klinische Bedeutung

„Mithilfe der gemessenen Troponin-Werte und der genauen Zeit zwischen den Messungen kann man nun unter Berücksichtigung der Art des verwendeten Bluttests ausrechnen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass der betreffende Patient einen akuten Herzinfarkt hat. Das ist ein Novum“, so der Kardiologe und Studienautor Dr. Johannes Neumann vom UK-Hamburg-Eppendorf in einer Mitteilung der Universität.

Entscheidend für die Infarkt-Diagnose sei nicht mehr ein fester Grenzwert der Troponin-Konzentration im Blut, sondern das Ansteigen der Troponin-Werte während des Messzeitraums. Für die klinische Praxis bedeutet das: Wenn bei Verdacht auf einen Herzinfarkt das EKG keine eindeutigen Zeichen für einen Infarkt liefert, ist dennoch innerhalb von rund einer Stunde eine gesicherte Diagnose möglich. Bislang konnte es passieren, dass solche Patienten bis zu zwölf Stunden warten mussten, bis die Ärzte einen Infarkt sicher diagnostizieren oder ausschließen konnten. 

Finanzierung: Deutsches Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung