Risiko für plötzlichen Herztod bei jungen Fußballspielern trotz Screening nicht erkannt


  • Dr. med. Thomas Kron
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaft

Kardial bedingte Todesfälle sind unter jungen Vereins-Fußballern zwar selten, aber häufiger als angenommen. Ein unauffälliges Ergebnis bei einer Screening-Untersuchung schließt ein erhöhtes Risiko für einen plötzlichen Herztod nicht aus.

Hintergrund

Immer wieder brechen scheinbar gesunde junge Profi-Fußballer beim Training oder mitten in einem Spiel mit einem Herzstillstand zusammen. Diagnose: Plötzlicher Herztod. Die Gründe hierfür sind oft unbekannte angeborene Herzerkrankungen. Außerdem gönnen sich infolge des enormen Leistungsdrucks manche Spieler nach einem viralen Infekt nicht genügend Erholung. Die möglichen Folgen: eine Myokarditis und Kardiomyopathie. Da die Zahlen zur Häufigkeit unsicher und unterschiedlich sind, haben britische Kardiologen eine Kohortenstudie mit über 10.000 jungen Fußball-Spielern gemacht. 

Design

Kardiologisches Screening bei 11.168 jungen Fußball-Spielern (Durchschnittsalter 16,4) des britischen Fußball-Verbandes („The FA“). Zum Screening-Programm gehörte ein Fragebogen, eine körperliche Untersuchung, ein EKG und eine Echokardiographie. Dieses Screening findet statt, wenn die jungen Spieler ihren ersten Vertrag erhalten (in Großbritannien in der Regel im Alter von 16). Die Beobachtungszeit betrug 20 Jahre (1996 bis 2016).

Hauptergebnisse

Bei 42 Fußball-Spielern (0,38 Prozent) fanden die Wissenschaftler kardiale Störungen, die mit einem erhöhten Risiko für einen plötzlichen Herztod einhergehen. Die meisten dieser jungen Spieler hatten keine Symptomne (93 %). 

Die Inzidenz des plötzlichen Herztodes betrug 1 zu 14.700 (6,8 pro 100.000). Bisher wurde laut den Autoren von einer Inzidenz zwischen 1 zu 200.000 bis 1 zu 50.000 ausgegangen. Die meisten Spieler konnten medizinisch behandelt werden und ihren Sport weiter betreiben (70 Prozent). Es gab allerdings zwei Todesfälle; beide Spieler hatten gegen ärztlichen Rat weiter Fußball (auf Wettkampfniveau) gespielt. Während der Beobachtungszeit gab es darüber hinaus noch sechs weitere Todesfälle infolge unbekannter kardialer Erkrankungen. Die Screening-Untersuchungen waren bei den jungen Spielern unaufällig gewesen. Im Mittel starben sie knapp sieben Jahre nach der Untersuchung. 

Klinische Bedeutung

Der Studie zufolge wird in einer Screening-Untersuchung bei 16-Jährigen nicht jede Kardiomyopathie entdeckt. Aus diesem Grund sind (im Leistungssport) weitere, relativ engmaschige Routine-Untersuchungen erforderlich. Dem Rat der Autoren folgend hat der britische Fussball-Verband weitere Untersuchungen der Spieler im Alter von 18, 20 und 25 eingeführt. Die Hauptbedeutung der Studie liegt darin, daran zu erinnern, wie wichtig sportkardiologische Untersuchungen nicht allein im Hochleistungssport sind, sondern vor allem im Freizeitsport. Denn Hochleistungssportler werden in der Regel routinemäßig sportmedizinisch kontrolliert und betreut. In deutschen Stadien sind außerdem Defibrillatoren - zumindest bei Spielen der Berufsfußballer - schon seit Jahren Pflicht.

Es sind daher vor allem ambitionierte Amateursportler und nicht die professionellen Leistungssportler, die ein erhöhtes Risiko für einen plötzlichen Herztod (PHT) beim Sport haben. Im deutschen „Sudden Cardiac Death Register“ wurden im Beobachtungszeitraum von vier Jahren und sechs Monaten 265 Fälle von plötzlichem Herzstillstand beim Sport in Deutschland erfasst. Fast ausschließlich waren Männer betroffen, das Durchschnittsalter lag bei 47 Jahren. Die Todesfälle ereigneten sich am häufigsten bei den Sportarten, die in Deutschland am populärsten sind: Fußballspielen und Laufen. Die Ursachen für den plötzlichen Herztod sind je nach Alter unterschiedlich. Bei Sportlern unter 35 Jahren sind Herzmuskelerkrankungen, angeborene Fehlverläufe von Herzkranzarterien sowie Herzmuskelentzündungen die häufigsten Ursachen für den plötzlichen Herztod beim Sport. Bei Sportlern, die über 35 Jahre alt waren, erwies sich im deutschen Register die koronare Herzkrankheit als häufigste Todesursache. 

Insbesondere untrainierte Erwachsene, die in den Sport einsteigen, oder nach längerer Pause wieder aktiv werden, sind durch die ungewohnte hohe Belastungsintensität in einem größeren Maße gefährdet. Das deutsche Register zum PHT belegt, dass sich der Großteil der betroffenen Sportler über 35 Jahre nicht regelmäßig sportkardiologisch untersuchen ließ. Von der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie wird seit 2005 zumindest ein Ruhe-EKG bei sportmedizinischen Untersuchungen empfohlen. Wichtig ist jedoch auch – insbesondere bei Sportlern über 35 Jahren – in regelmäßigen Abständen ein Belastungs-EKG durchzuführen.

In Deutschland erleiden laut der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie zwischen 100.000 und 150.000 Menschen jährlich einen plötzlichen Herztod. Prospektive Studien mit standardisierten Definitionen für die Erfassung des plötzlichen Herztodes zeigen laut einer Übersichtsarbeit „eine vergleichbare Inzidenzrate des PHT in den USA, in Deutschland, in den Niederlanden, in Irland und in China von etwa 40 bis 100 pro 100.000 Menschen in der Allgemeinbevölkerung“. Der PHT betrifft mehrheitlich die erwachsene Population, wobei Menschen jünger als 35 Jahre eine sehr geringe Inzidenz des PHT von 1 bis 3 pro 100.000 pro Jahr zeigen.

Etwa 5 – 10 Prozent der Patienten mit PHT haben keine strukturelle Anomalien oder KHK. Als Ursache wird in solchen Fällen eine manifeste oder latente elektrische Ionenkanalerkrankung angenommen.

Finanzierung: Britischer Fussball-Verband (FA)