Riechen ohne Riechkolben - Frauen können das, Männer offenbar nicht

  • Neuron

  • von Dr. med. Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaften 

Anders als bislang angenommen können manche Menschen offenbar auch ohne Riechkolben Gerüche wahrnehmen. Dies trifft vor allem auf linkshändige Frauen zu, wie Neurowissenschaftler um Dr. Tali Weiss (Weizmann Institute of Science, Rehovo in Israel) festgestellt haben. Bei Männern wurde das Phänomen seltsamerweise bisher nicht beobachtet. Ihre Befunde seien ein Beleg für die enorme Plastizität des sensorischen Systems, berichten die Wissenschaftler im Fachmagazin „Neuron. Möglicherweise bieten diese Beobachtungen einen Ansatz zur Therapie von Menschen mit angeborener Anosmie.

Zwei junge linkshändige Frauen 

Die Wissenschaftler stießen auf dieses Phänomen in einer Studie mit Menschen, deren Geruchssinn intakt war. Bei einer linkshändigen knapp 30-jährigen Frau konnte im MRT allerdings kein Bulbus olfactorius gesehen werden. Neugierig geworden untersuchten die Neurowissenschaftler weitere Teilnehmer ihrer Studie und stießen dabei auf noch eine junge Frau ohne kernspintomographisch sichtbare Riechkolben, aber sehr gutem Geruchssinn. Auch bei dieser 26-jährigen Frau handelte es sich um eine Linkshänderin. Um ihre Befunde, die sie mit konventioneller MRT-Diagnostik erhoben hatten, zu prüfen, machten Weiss und ihre Kollegen zudem Bilder mit der diffusions-gewichteten MRT, mit der Rückschlüsse auf den Verlauf der großen Nervenfaserbündel möglich sind, sowie mit einer sehr hochauflösenden 3-D-Bildgebung. Auch mit dieser Methoden fanden die Wissenschaftler bei den beiden Frauen keine hinreichenden Belege für die Existenz von Riechkolben. 

Nur bei Frauen fündig

Daraufhin untersuchten sie Gehirn-Scans von über 1000 Personen (506 Männer, 606 Frauen, Alter 22 - 35) des „Human Connectome Project,  eines wissenschaftlichen Projektes zur Erforschung der Nervenverbindungen im gesunden menschlichen Gehirn. Ergebnis ihrer Suche: Nur bei Frauen, nicht bei Männern, wurden Tali Weiss und ihre Kollegen fündig, und zwar bei insgesamt 3 Frauen mit eindeutig intaktem Geruchssinn; eine dieser drei Frauen war Linkshänderin. Aufgrund ihrer Beobachtungen und Recherchen schätzen die Wissenschaftler die Prävalenz des Phänomens auf etwa ein halbes Prozent, bei linkshändigen Frauen auf etwas mehr als vier Prozent. 

Erklärungs-Versuche

Mögliche Erklärungen für das Phänomen sind den Forschern zufolge zum Beispiel:

  • Zerebrale Umbauvorgänge wie sie bei Nagern beobachtet wurden, denen die Riechkolben entfern worden waren.
  • Die Riechkolben sind vorhanden, befinden sich aber an einer anderen Stelle des Gehirns
  • Die Riechkolben sind vorhanden, aber so klein, dass sie mit den bildgebenden Untersuchungen nicht zu erkennen waren (Bulbus-Volumen bei Gesunden altersabhängig bis zu knapp 100 mm3).
  • Andere zerebrale Strukturen haben den Geruchssinn übernommen.

Insgesamt sprechen die Befunde für die große Plastizität des menschlichen Gehirns und des Riechkolbens. Ermöglicht wird die Plastizität durch die Fähigkeit des Bulbus olfactorius zur postnatalen Neurogenese und lebenslangen Synaptogenese. 

Dass das Phänomen „Riechen ohne Riechkolben“ nur bei Frauen beobachtet wurde, könnte daran liegen, dass der Bulbus olfactorius von Frauen deutlich mehr Neuronen besitzen soll als der von Männern. Frauen sollen ausserdem einen besseren Geruchssinn haben. Eine Erklärung dafür, dass vor allem  Linkshänderinnen betroffen sind, haben die Neurowissenschaftler jedoch nicht. 

Vielleicht auch therapeutisch relevant

Der Befund, dass Riechen auch ohne Riechkolben möglich ist, bietet nach Angaben von Weiss und ihren Kollegen möglicherweise einen Ansatz für die Behandlung von Patienten mit angeborener Anosmie. Voraussetzung sei eine frühzeitige Diagnose im Rahmen eines Screening-Programms bei Kleinkindern oder gar Babies. Ein gezieltes Riechtraining könnte dann vielleicht Riechen ermöglichen.

Interessant sind die Befunde der Wissenschaftler um Weiss möglicherweise auch für Alzheimer-Forscher. Der Grund: Es gebe einen Zusammenhang zwischen Riechstörungen und leichten kognitiven Einschränkungen sowie der Alzheimer-Demenz, berichteten US-Forscher von knapp vier Jahren im Fachmagazin „JAMA Neurology. Zudem treten die ersten morphologischen Befunde beim Morbus Alzheimer im Rhinencephalon auf, wie der Ulmer Anatom Professor Heiko Braak nachgewiesen hat. 

Finanzierung: European Research Council AdG.; NIH Institutes and Centers, McDonnell Center for Systems Neuroscience at Washington University