Resistente Depressionen: Absetzstudie mit Esketamin belegt den Nutzen einer fortgesetzten Therapie

  • JAMA Psychiatry

  • von Michael Simm
  • Studien – kurz & knapp
Der Zugang zum gesamten Inhalt dieser Seite ist nur Angehörigen medizinischer Fachkreise vorbehalten. Der Zugang zum gesamten Inhalt dieser Seite ist nur Angehörigen medizinischer Fachkreise vorbehalten.

Kernbotschaft

Patienten mit therapieresistenter Depression, die unter Esketamin und einem oralen Antidepressivum ansprechen oder eine Remission erfahren, haben eine deutlich geringere Rückfallrate als Patienten, bei denen Esketamin abgesetzt wird.

Hintergrund

Die kurzfristige Wirksamkeit von Esketamin gegen Behandlungs-resistente Depressionen konnte in mehreren kontrollierten Studien gezeigt werden; die langfristigen Wirkungen sind aber noch nicht erforscht.

Design

Multizentrische, doppel-blinde, randomisierte Absetzstudie der Phase 3 mit 297 Erwachsenen im durchschnittlichen Alter von 46,3 Jahren (66 % weiblich), die an prospektiv bestätigten behandlungs-resistenten Depressionen litten und von Ambulanzen überwiesen wurden. Ursprünglich waren 705 Personen in die Studie aufgenommen worden, von denen 455 in einer Optimierungsphase mit Esketamin Nasenspray (56 oder 84 mg) plus einem oralen Antidepressivum behandelt wurden. Diejenigen 297, die nach 16 Wochen Behandlung in stabiler Remission waren bzw. stabil ansprachen, nahmen schließlich an der randomisierten Absetzphase der Studie teil (das orale Antidepressivum wurde weitergegeben), wobei die Zeit bis zum Rückfall als primäres Studienziel diente.

Ergebnisse

  • 176 der 297 Patienten erreichten zunächst eine stabile Remission. Unter ihnen erlitten 24 (26,7 %) aus der Esketamin-Gruppe einen Rückfall und 39 (45,3 %) derjenigen unter Placebo-Nasenspray.  Sechs Patienten mussten behandelt werden, um einen Rückfall zu vermeiden („number needed to treat“, NNT).
  • Von den 121 Patienten mit stabilem Ansprechen erlitten 16 (25,8 %) unter Esketamin einen Rückfall und 34 (57,6 %) ohne diesen Wirkstoff, was einer NNT von 4 entspricht.
  • Die Behandlung mit Esketamin plus dem oralen Antidepressivum reduzierte die Rückfallwahrscheinlichkeit bei stabiler Remission um 51 % (Chancenverhältnis HR 0,49 bei einem 95%-Konfidenzintervall von 0,29 – 0,84) und bei stabilem Ansprechen um 70 % (HR 0,30; 95%-KI 0,16 – 0,55).
  • Die häufigsten Nebenwirkungen, die unter Esketamin vermehrt auftraten, waren Störungen des Geschmacksempfindens, Vertigo, Dissoziierung, Somnolenz und Schwindel.

Klinische Bedeutung

Das in den USA seit März 2019 als Nasenspray zur Behandlung therapieresistenter Depressionen zugelassene Esketamin könnte bald auch in Europa eine neue Behandlungsoption werden (Janssen hat die Zulassung bei der EMA vergangenen Oktober beantragt). Ein Vorteil wäre der Wirkungseintritt binnen Tagen statt Wochen wie mit den herkömmlichen Antidepressiva. Wegen möglicher „dissoziativer Effekte“ bis hin zu extrakorporalen Erfahrungen würde eine Therapie mit Esketamin aber nicht einfacher: In den USA hat man das Präparat nur mit der Auflage zugelassen, dass die Anwendung unter ärztlicher Aufsicht erfolgen muss.

Finanzierung: Janssen Research & Development LLC. Deren Mitarbeiter waren an allen Phasen dieser Studie beteiligt, die bereits auf mehreren Kongressen präsentiert wurde.