Renale Denervierung: Laut Hochdruckliga vielleicht bald eine Alternative zur Medikation


  • Dr. med. Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaften

Die renale Denervation könnte, wenn sich die vorläufigen Ergebnisse einer Studie bestätigen, nach Ansicht von Professor Joachim Weil (Lübeck) bald einen festen Platz im Therapiealltag einnehmen. Bei minimaler Komplikationsrate werde der Blutdruck dauerhaft gesenkt, und zwar unabhängig von der Therapietreue der Patienten.

Hintergrund

Bei der renalen Denervation (RDN) werden bei einen minimal-invasiven Eingriff die sympathischen Nervenenden in den Nierenarterien verödet, um damit den Blutdruck gezielt zu senken. Diese Methode kommt vor allem für Patienten in Frage, deren Hochdruck sich medikamentös nicht einstellen lässt. Das Verfahren war allerdings nach den negativen Ergebnissen der Hypertonie-Studie Symplicity HTN-3 stark unter Druck geraten. Hier waren nach dem Screening von 1.441 Patienten 535 in 88 Studienzentren eingeschlossen und nach 2:1-Randomisierung entweder mit einer RDN oder einem Schein-Eingriff (renale Angiographie) behandelt worden. Nach sechs Monaten bestand kein Unterschied im systolischen 24-Stunden-Blutdruck zwischen RDN- und Kontroll (Sham)-Gruppe. Die Studie wurde allerdings auch kritisiert, denn der fehlende Effekt könnte auch der Ungeübtheit der Operateure geschuldet gewesen sein: Viele Behandler hatten nur eine einzige RDN durchgeführt.

Neue Studien zeigen effektive Blutdrucksenkung

Neue Erkenntnisse zu der Katheter-Methode wurden nun im SPYRAL-HTN-Studienprogramm gesammelt, das vom Katheter-Hersteller Medtronic finanziert wird. Die dreimonatige SPYRAL HTN-Off MED-Studie untersuchte insgesamt 80 Patienten, die keine Blutdrucksenker einnahmen und einen milden bzw. moderaten Blutdruck hatten. Die RDN (n = 38) bewirkte in der Praxismessung einen Rückgang von 10 mm Hg systolisch und 5,3 mm Hg diastolisch im Vergleich zur Kontrollgruppe und in der 24-Stunden-Langzeitblutdruckmessung einen Rückgang um 5,5 mm Hg systolisch und 4,8 mm Hg diastolisch. Diese Studie brachte den Nachweis, dass das Verfahren funktioniert – denn die beobachteten blutdrucksenkenden Effekte können nicht einer Begleitmedikation zugeschrieben werden. „Der Effekt der renalen Denervation entspricht also dem eines medikamentösen Blutdrucksenkers“, kommentiert Prof. Dr. med. Joachim Weil, Mitglied im Vorstand der Deutschen Hochdruckliga. Die Studie war allerdings relativ klein und beantwortete nicht die Frage, ob die RDN auch bei fortgesetzter antihypertensiver Medikation den Blutdruck senkt. Die vorläufigen Daten sollten zurückhaltend bewertet werden, empfahl damals unter anderen der französische Kardiologe Professor Michel Azizi (Universität Paris Descartes) in einem begleitenden Editorial.

Auch die SPYRAL HTN-ON MED-Studie zeigte eine signifikante Senkung der Blutdruckwerte. In dieser so genannten Proof-of-Concept-Studie wurden bislang 80 Patienten von insgesamt 500 ausgewertet, bei 38 war eine renale Denervation durchgeführt worden, bei 42 ein Scheineingriff. Der Unterschied im systolischen Wert betrug nach sechs Monaten in der RDN-Gruppe in der 24-Stunden Langzeitblutdruckmessung – 7,4 mm Hg und diastolisch -4,1 mm Hg.

Dieses Studienergebnis wurde auch in der RADIANCE-HTN SOLO-Studie bestätigt, bei der die Denervation mittels endovaskulärem Ultraschall erfolgte (nicht mittels Radiofrequenzablation wie in SPYRAL HTN-ON MED und SPYRAL HTN-OFF MED). In der „SOLO“-Studie, finanziert vom Unternehmen ReCor Medical, wurden 146 Patienten randomisiert, 74 von ihnen wurden minimal-invasiv behandelt, 72 einem Scheinverfahren unterzogen. Auch hier zeigte sich in der Interventionsgruppe ein signifikanter Blutdruckabfall in ähnlicher Größenordnung wie in den SPYRAL-Studien (nach zwei Monaten mittlere systolische Blutdruckabnahme in der Interventionsgruppe 8,5 mmHg, in der Kontrollgruppe 2,2 mmHg).

Klinische Bedeutung

„Bei der SPYRAL HTN-ON MED-Studie handelt es sich um eine Auswertung der ersten 80 von insgesamt fast 500 Patienten. Wir müssen die Gesamtauswertung abwarten, bevor wir die renale Denervation abschließend beurteilen können“, erklärte Weil laut einer Mitteilung auf dem 42. Wissenschaftlichen Kongresses der Deutschen Hochdruckliga in Berlin. „Die Studienergebnisse sind aber bisher positiv und wenn sich diese Ergebnisse bestätigen, wird die renale Denervation einen festen Platz im Therapiealltag einnehmen.“ 

Nach Ansicht des Kardiologen hat das Verfahren gegenüber der medikamentösen Therapie auch verschiedene Vorteile: Durch den Eingriff könne der Bluthochdruck anhaltend reduziert werden und der Patient erfahre eine konstante Blutdrucksenkung. Werde hingegen bei der medikamentösen Therapie eine Einnahme vergessen, könne es zu Schwankungen, u.U. auch zu gefährlichen Blutdruckspitzen kommen. Weil: „Die Therapietreue ist ein großes Problem, wir müssen davon ausgehen, dass allein 60% der Patienten nach einem Jahr nicht mehr ihre Medikamente einnehmen.“ Auch sei das Verfahren praktisch nebenwirkungsfrei, was vor dem Hintergrund neuerer Berichte zu potenziell krebserregenden Langzeitwirkungen einiger Blutdrucksenker zunehmend als vorteilhaft wahrgenommen werde. „Umgekehrt ist das Risiko der renalen Denervation als äußerst gering einzustufen – das haben bislang alle Studien stringent gezeigt“, so Weil laut der Mitteilung. 

Zu beachten ist allerdings, dass es bislang noch keine Studien-Daten zu harten klinischen Endpunkten wie kardiovaskuläre Morbidität und Mortalität gibt. Ob dies jedoch bei dem Parameter Blutdruck noch notwendig ist, ist eine andere Frage.

Eine Alternative zur renalen Denervation könnte perspektivisch auch die Stimulation der Baro-Rezeptoren mit einem Blutdruck-Schrittmacher zur dauerhaften Blutdrucksenkung sein.