Reisediarrhö für Immungeschwächte mehr als nur unangenehm

  • Internist

  • von Dr. med. Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaften

Die Zahl der Patienten mit angeborener oder erworbener Immunschwäche steigt. Vielen von ihnen möchten reisen, auch in Länder oder Regionen, in denen das Risiko für unterschiedliche Infektionen groß ist, eine gute medizinische Versorgung aber oft nicht gesichert ist. Durchfall-Erkrankungen zählen neben Atemwegserkrankungen und durch Insekten übertragenen Infektionen auch bei diesen Reisenden zu den häufigsten Erkrankungen. Um die Risiken für sie vor und nach der Reise zu vermindern, seien eine umfassende reisemedizinische Beratung und eine entsprechende Reisevorbereitung unumgänglich, schreiben Infektiologen um Professor Dr. Jens Lutz (Gemeinschaftsklinikum Mittelrhein Kemperhof Koblenz). 

Problem: unzureichend zubereitete Fleisch- und Fischgerichte

Gastrointestinale Erkrankungen kommen den Autoren zufolge bei etwa der Hälfte aller Reisenden vor; bei immunsupprimierten Patienten sei der Verlauf schwer; eine wichtige Rolle spiele dabei mit der Nahrung übertragene enterotoxinbildende Escherichia coli (ETEC).

Bei refraktärer Diarrhö kämen Erreger wie Kokzidien, Giardia und Mikrosporidien infrage. Bei Hepatitis A und E sowie schweren Norovirus-Enteritiden könnten die Erreger durch nicht ausreichend gegarte Meeresfrüchte übertragen worden sein. In sehr seltenen Fällen werde auch über Helminthosen (Anisakiasis, Paragonimiasis) durch Genuss von Fischen und Schalentieren berichtet. Ungenügend zubereitete Fleischgerichte könnten ebenfalls Erreger übertragen, etwa gramnegative Erreger sowie Parasiten. Dies gelte auch für unpasteurisierte Milch und mit rohen Eiern zubereitete Speisen. 

Auch bei Immungeschwächten keine pauschale Antibiotika-Gabe 

Eine medikamentöse Prophylaxe ist laut Lutz und seinen Kollegen routinemäßig nicht notwendig. Eine medikamentöse Option sei Rifaximin, allerdings nur für eine kurze Zeit. Azithromycin werde bei der verbreiteten Resistenz von Campylobacter gegen Chinolone in Südostasien verordnet. Dabei sollten auch die Risiken beachtet werden, etwa „eine Clostridium-difficile-assoziierte Diarrhö (Ciprofloxacin),  Achillessehnenrupturen (Chinolone), eine Verlängerung der QT-Zeit (Chinolone, Makrolide) und mögliche Medikamenteninteraktionen mit den Immunsuppressiva.

Zur antibiotischen Behandlung einer manifesten Diarrhö sollten bei Reisenden mit Immunschwäche vor allem Chinolone oder Azithromycin eingesetzt werden; die Anwendung solle bei ihnen „niederschwelliger“ als bei Immungesunden, aber auch nicht pauschal erfolgen, empfehlen der Koblenzer Infektiologe und seine Mitautoren außerdem. 

Post scriptum

Hier noch ein Tipp für Hawai-Fans: Wer unbedingt zu der Inselgruppe reisen will, sollte sich auch als Immungesunder zu einem Erreger beraten lassen, der dort sein „Unwesen“ treibt, wie Tropenmediziner schon öfter gewarnt haben. Die Rede ist vom Ratten-Lungenwurm (Angiostylus cantonensis). Vor allem die Ostküste (des sogenannten Big Island) sei ein gefährlicher „hot spot“ geworden, berichten Tropenmediziner im aktuellen „American Journal of Tropical Medicine and Hygiene“.

Besonders häufig scheinen Infektionen mit diesem Erreger in Hawai zwar nicht zu sein. Insgesamt 82 Fälle seien in den Jahren 2007 bis 2017 dort identifiziert worden, im Mittel sieben pro Jahr und meist zwischen Januar und April. Die Infektion ist aber gefährlich. Denn die Larve des Fadenwurms kann ins Gehirn gelangen und eine schwere Meningitis verursachen. Auch tödliche Verläufe sind möglich. Hauptwirt des Wurms ist die Ratte. Über ihren Kot verbreitet sie die Larven des Parasiten über Schnecken, Krabben, Krebse, Fische und Frösche. Der Wurm kommt übrigens nicht nur auf Hawai vor, sondern auch auf Sri Lanka, den Seychellen, Kuba und Jamaika. Die Zahl der Infektionen soll zudem steigen. Ursache ist der weltweite Handel und Schiffsverkehr.