Rausch ohne Alkoholkonsum: Das Eigenbrauer-Syndrom ist selten, aber auch unterdiagnostiziert

  • BMJ Open Gastro

  • von Dr. Nicola Siegmund-Schultze
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Das Eigenbrauer-Syndrom, bei dem durch eine gestörte Zusammensetzung des Mikrobioms Alkohol im Darm gebildet wird, ist selten, aber vermutlich auch deutlich unterdiagnostiziert. Bei Patienten mit erhöhten Atem- oder Blutalkoholkonzentrationen, die angeben, keinen Alkohol getrunken zu haben, sollte das Eigenbrauer-Syndrom durch einen standardisierten Kohlenhydrat-Provokationstest und eine Darmmikrobiomanalyse ausgeschlossen werden. Das Syndrom lässt sich therapieren, und damit werden medizinische, aber auch soziale und strafrechtlich relevante Folgen der Erkrankung vermieden.

Hintergrund
Bei einer mikrobiellen Fehlbesiedelung des Darms mit einer Dominanz von so genannten Zuckerhefen (Saccharomyces-Spezies) kann es nach dem Essen zur Bildung von Ethanol aus den Kohlenhydraten der Nahrung kommen. Dieses so genannte Eigenbrauer-Syndrom ist zwar in den 70er Jahren beschrieben worden. Noch immer aber benötigen die meisten Patienten eine jahrelange Odyssee von Arzt zu Arzt, bevor die Erkrankung erkannt wird. Dies war Anlass für ein Forscherteam aus New York und Ohio, einen eigenen Fall zu beschreiben und darüber hinaus international publizierte Kasuistiken und Fallserien neu zu bewerten.

Design

  • Beschreibung einer aktuellen Kasuistik
  • Analyse der publizierten Kasuistiken und Fallserien unter den Aspekten Diagnostik, vermutete Ursachen des Eigenbrauer-Syndroms und Therapie
  • Vorschlag zum diagnostischen und therapeutischen Vorgehen

Hauptergebnisse
Ein zuvor physisch und beruflich aktiver 46jähriger Patient ohne körperliche oder psychiatrische Anamnese vor Beginn der Stoffwechsel-Symptomatik stellte sich in einer Abteilung für Innere Medizin vor. Seit 6 Jahren litt er episodisch an nicht erklärbaren Symptomen wie

  • Wahrnehmungsstörungen,
  • gelegentlich motorischen Störungen,
  • aggressivem Verhalten und
  • depressiven Verstimmungen.
  • Die Symptome traten häufig nach dem Essen auf.

Bei einer Polizeikontrolle waren zunächst erhöhte Atem-, und danach Blutalkoholwerte beim autofahrenden Patienten gemessen worden (200 mg Ethanol/dL Blut). Die Angaben, er habe keinen Alkohol getrunken, erschienen Ärzten und Polizei nicht glaubhaft.

Da die vorbehandelnden Ärzte psychische Probleme und verdeckten Alkoholkonsum vermutet hatten, erhielt der Patient Psychopharmaka (Lorazepam und Fluoxetin). An der Klinik in Ohio entwickelte sich der Verdacht auf Eigenbrauer-Syndrom (Auto-Brewery Syndrome). Es folgte ein Kohlenhydrat-Provokationstest unter Beobachtung nach stationärer Aufnahme. 8 Stunden später hatte der Patient einen Blutalkoholwert von 57 mg/dL. Autofahrer in Deutschland gelten ab 50 mg/dL als eingeschränkt fahrtüchtig, ab 200 mg/dL als absolut fahruntüchtig. In Stuhlproben wurden - zusätzlich zu Mikroben der normalen Darmflora - Saccharomyces cerevisiae (Bier- oder Bäckerhefe) und Saccharomyces boulardii gefunden. Es folgten endoskopische Untersuchungen von Magen und Darm mit Probenentahmen.

In diesen wurden außer den Saccharomyceten auch Candida-Spezies nachgewiesen. Der Patient erhielt eine antimykotische Therapie (Itraconazol), außerdem Probiotika mit Lactobazillen und musste für eine Zeit die Kohlenhydrat-Aufnahme einschränken. Die Alkoholwerte normalisierten sich. 1,5 Jahre nach Abschluss der Behandlung ist der Patient asymptomatisch ohne Nahrungsrestriktion.

Klinische Bedeutung
Die Kasuistik aus der eigenen Klinik und die publizierten Fälle und Fallserien weisen nach Angaben der Autoren daraufhin, dass das Eigenbrauer-Syndrom international deutlich unterdiagnostiziert ist. Die Erkrankung, verursacht durch eine Fehlbesiedelung des Darms, könne durch eine vorübergehende Immunsuppression oder – wie bei diesem Patienten – durch eine längere Antibiotikatherapie ausgelöst sein. Die Autoren empfehlen, bei Symptomen einer Alkoholintoxikation ohne nachvollziehbaren Konsum, das Eigenbrauer-Syndrom diffenzialdiagnostisch auszuschließen. Die Erkrankung könne nicht nur schwere psychische und soziale, sondern auch körperliche Folgen wie Leberschäden haben.

Finanzierung: keine Angaben