Raucherentwöhnung kann auch bei psychisch schwer kranken Menschen erfolgreich sein

  • Lancet Psychiatry

  • von Michael Simm
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Ein aufwändiges, aber praxisnahes Programm zur Raucherentwöhnung psychisch schwer kranker Menschen ergab in einer Studie mit mehr als 500 Teilnehmern Hinweise auf eine überlegene Wirksamkeit gegenüber der Standardintervention.

Hintergrund

Der Anteil von Rauchern ist unter schwer psychisch kranken Menschen drei Mal höher als in der Allgemeinbevölkerung. Der Nikotinabusus trägt maßgeblich zum vergleichsweise schlechten Gesundheitszustand Ersterer bei und ist gleichzeitig der wichtigste modifizierbare Faktor. Dennoch werden den schwer psychisch Kranken in der Regel keine Entzugsmaßnahmen angeboten, schreiben die Autoren, die hier solch ein maßgeschneidertes Programm auf seine Wirksamkeit getestet haben.

Design

Smoking cessation intervention for severe mental illness (SCIMITAR+) ist eine pragmatische, randomisierte, kontrollierte Studie mit 526 britischen Patienten, die entweder an der Bipolaren Krankheit oder an Schizophrenie litten und mindestens 5 Zigaretten pro Tag rauchten, jedoch keinen Co-morbiden Drogen- oder Alkoholmissbrauch zeigten. Sie wurden entweder durch ihre Hausärzte oder in psychosozialen Einrichtungen betreut und erhielten jeweils zur Hälfte ein maßgeschneidertes Anti-Rauch-Programm inklusive Verhaltenstherapie, Medikamenten und Hausbesuchen; oder sie wurden an Dienste verwiesen, die vor Ort eine allgemeine Raucherentwöhnung anboten.

Ergebnisse

  • Die zu 59 % männlichen Teilnehmer waren median 47,2 Jahre alt und rauchten durchschnittlich 24 Zigaretten am Tag. Im Interventionsarm nahmen 88 % an dem Programm teil und besuchten im Mittel 6,4 Sitzungen von 39 Minuten Dauer. Per CO-Test verifizierte Daten zum Erfolg standen nach 12 Monaten für 84 % der Teilnehmer in beiden Armen zur Verfügung.
  • Nach einem Jahr hatten 15 % in der Interventionsgruppe und 10 % in der Kontrollgruppe aufgehört, zu rauchen. Die Differenz von 5 Prozentpunkten war bei einem Chancenverhältnis HR von 1,6 und einem 95%-Konfidenzintervall von 0,9 – 2,9 jedoch nicht signifikant (p = 0,10).
  • Nach 6 Monaten war die Differenz zugunsten der spezifischen Raucherentwöhnung allerdings signifikant gewesen. Zu diesem Zeitpunkt waren 14 % gegenüber 6 % Nikotin-abstinent gewesen (p = 0,01).
  • Das Verhältnis der Inzidenzraten für die Anzahl täglich gerauchter Zigaretten zeigte weder nach 6 noch nach 12 Monaten einen signifikanten Unterschied.
  • Beim Fagerström-Test für Nikotinabhängigkeit zeigte sich nach 6 und nach 12 Monaten ein Unterschied zugunsten der Interventionsgruppe, der aber ebenfalls nicht signifikant war. Bei der körperlichen Gesundheit (SF-12) sah man einen positiven Trend zugunsten der Intervention nach 6 Monaten, der aber nach 12 Monaten keinen Bestand mehr hatte.
  • Bei mehreren weiteren Parametern (Motivation to Quit, Angststörungen, BMI) gab es keine deutlichen Unterschiede.

Klinische Bedeutung

Die Studie war praxisnah und hatte mit Patienten der „normalen“ Raucherentwöhnung eine Kontrollgruppe, die weniger leicht zu übertreffen war als eine Warteliste. Dies mag zum Teil erklären, warum die Unterschiede zwischen den Gruppen nur in der Tendenz für die aufwändige Intervention sprechen bzw. nur nach 6 Monaten nachweisbar waren. Man müsse sich deshalb mehr Mühe geben, um ein Ausstiegsprogramm mit langanhaltender Wirkung zu entwickeln, so die Autoren.

Finanzierung: National Institute for Health Research Health Technology Assessment Programme.