Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung: Prioritäten für das Gesundheitswesen

  • Deepa Varma
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Eine neue, aus vier Positionspapieren bestehende Serie, in der Fachzeitschrift The Lancet veröffentlicht, legt nahe, dass Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung zwar die Gesundheit grundlegend auf globaler Ebene beeinflussen, aber bisher von Gesundheitsforschern, Entscheidungsträgern und Ärzten übergangen wurden. Die Autoren der Studie fordern Angehörige der Gesundheitsberufe auf, diese Fragen als Prioritäten des öffentlichen Gesundheitswesens zu betrachten.

„Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung können sich auf vielfältige Weise auf die Gesundheit auswirken, von den unmittelbaren Auswirkungen der Gewalt bis hin zu den entfernteren Strukturen des Gesundheitssystems“, so Delanjathan Devakumar, Professor für globale Kindergesundheit am University College London (UCL) und Hauptautor der Studie. „Wir möchten die Angehörigen der Gesundheitsberufe auffordern, über Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung auf all diesen Ebenen nachzudenken. Während sich die meiste Aufmerksamkeit auf die unmittelbaren Auswirkungen richtet, werden die strukturellen Ursachen oft ignoriert, die aber die Grundursache für Gesundheitsprobleme der Menschen sind“, erklärt er gegenüber Univadis.com.

Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung sind weit verbreitet, strukturell bedingt und können in vielen Formen auftreten, von Mikroaggressionen bis hin zu zwischenmenschlicher und staatlicher Gewalt. Es gibt deutliche Hinweise darauf, dass Gesundheitsmetriken in der Regel bei Minderheitengruppen schlechter ausfallen und dass Rassismus eine Rolle spielt.

Studienautor Gidean Lasco von der "University of the Philippines Diliman" beschreibt die Diskriminierung, die Filipinos erleben, und berichtet "Univadis.com": „Die Diaspora der Philippinen ist umfangreich – ungefähr 10 % der Bevölkerung lebt und arbeitet im Ausland – und Filipinos haben historisch gesehen in verschiedenen Teilen der Welt unter allen möglichen Arten von Rassismus gelitten, von den Anti-Mischehengesetzen Anfang des 20. Jahrhunderts bis zum Hass und der Gewalt gegenüber Personen asiatischer Abstammung heute.“ Und: „Dies hat Folgen für die psychische und physische Gesundheit gehabt sowie zu strukturellen Hindernissen geführt, die letztlich zu einem ungleichen Zugang zur Gesundheitsversorgung geführt haben.“

Während der zweiten Welle der COVID-19-Pandemie kam es im Vereinigten Königreich außerdem zu einer höheren Mortalitätsrate in folgenden ethnischen Gruppen: Menschen, die aus  Bangladesch stammen, und Menschen afroamerikanischer, afrokaribischer, pakistanischer sowie indischer Herkunft. Im Rahmen des südafrikanischen Impfprogramms wurden ethnisch und sozioökonomisch marginalisierte Gruppen (die häufig die höchsten Akzeptanzraten gegenüber Impfungen aufweisen) am seltensten geimpft. Migranten und andere Minderheiten – wie die in Indien als Minderheiten „gelisteten Kasten“ – sind häufig mit Diskriminierung und Hindernissen beim Zugang zur Gesundheitsversorgung konfrontiert. In ähnlicher Weise haben indigene Völker auf der ganzen Welt mit schlechteren Gesundheitsergebnissen zu kämpfen, darunter eine geringere Lebenserwartung, eine höhere Kinder- und Müttersterblichkeit sowie Mangelernährung.

Es besteht die Neigung, anzunehmen, dass diese Ungleichheiten genetisch bedingt sind und nicht geändert werden können.

Die Serie stellt diese Vorstellung allerdings in Frage, ebenso wie das Argument, dass etwaige Ungleichheiten durch sozioökonomische Benachteiligungsmuster bei ethnisch benachteiligten Gruppen erklärt werden können. Stattdessen wird die bedeutende Rolle physiologischer Reaktionen, die durch frühere und gegenwärtige Diskriminierung verursacht werden, bei der Erklärung der mit Ethnien assoziierten gesundheitlichen Ungleichheiten betont.

„Diskriminierung wirkt sich in vielerlei Hinsicht auf die Gesundheit aus, was oft schwer zu messen ist, weil die Auswirkungen von Diskriminierung über lange Zeiträume hinweg auftreten können“, so Sujitha Selvarajah, Wissenschaftlerin für Bevölkerungsgesundheit am UCL, in einer Pressemitteilung. „Die vorliegenden Erkenntnisse deuten jedoch darauf hin, dass die direkten und indirekten biologischen Auswirkungen von Diskriminierung ein wesentlicher Grund für die gesundheitlichen Ungleichheiten zwischen den Ethnien auf der ganzen Welt sind – und nicht etwa genetische Unterschiede, wie oft angenommen wurde“, fügte sie hinzu.

Die Forscher stellten die weit verbreitete Annahme in Frage, dass Kaste, ethnische Zugehörigkeit und Herkunft nicht veränderbare Risikofaktoren für alle Gesundheitszustände sind, von Krebserkrankungen über Herz-Kreislauf-Erkrankungen bis hin zu COVID-19.

Sie schlagen sechs Schlüsselprinzipien vor, um die durch Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung verursachten Gesundheitsschäden zu bekämpfen.

Dazu zählt, dass das Erbe der Kolonialisierung rückgängig gemacht wird, um eine gerechtere Gesellschaft zu schaffen und sowohl wiedergutmachende als auch transformative Gerechtigkeit zu schaffen. Vielfalt und Integration sind ebenfalls erforderlich, um den sozialen Zusammenhalt und die Widerstandsfähigkeit zu verbessern. Die Überschneidungen zwischen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und ähnlichen Formen der Diskriminierung müssen besser verstanden werden. Die ethnische Gleichheit sollte auf allen Ebenen verwirklicht werden. Schließlich müssen menschenrechts-basierte Ansätze unterstützt werden.

Devakumar hat einige praktische Ratschläge für Angehörige der Gesundheitsberufe: „Mein wichtigster Ratschlag ist, einfach über Fragen im Zusammenhang mit Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung nachzudenken“, sagt er. „Dies mag sehr einfach erscheinen, aber die meisten Kliniker, die ja vielbeschäftigt sind, haben dies nicht auf dem Radar. Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung sind jedoch wichtige Gesundheitsfaktoren, die für die Krankheiten Ihrer Patienten verantwortlich sind. Dies wird bei der Diagnose von Problemen und der Entwicklung von Lösungen helfen. Hat Ihr Patient psychische oder physische Gesundheitsprobleme, weil er in der Schule unter Rassismus leidet? Handelt es sich bei Ihren Patienten um neu angekommene Migranten, die aufgrund von Hindernissen im Gesundheitssystem zu spät bei einem Arzt vorstellig wurden?“

„Die andere Komponente ist, dass Sie sich für Ihre Patienten einsetzen“, fügt er hinzu. „Dies kann auf individueller Ebene oder auf der Ebene einer lokalen oder nationalen Regierung geschehen. Sie könnten sich mit Organisationen, die in diesem Bereich tätig sind, zusammenschließen und ihr Fachwissen zur Verfügung stellen, was in der Regel sehr wertvoll wäre.“

Lasco stimmt dem zu: „Kulturelle Sensibilität in den Kliniken und an der Seite zu praktizieren, kann auf individueller Ebene viel bedeuten. Auf institutioneller und struktureller Ebene sollten die Beschäftigten des Gesundheitswesens politische Maßnahmen, Rechtsinstrumente und soziale Bewegungen unterstützen, die ethnische und soziale Gerechtigkeit fördern.“