Psychische Erkrankungen verkürzen das Leben um 5 bis 15 Jahre

  • The Lancet

  • von Michael Simm
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Die Analyse der medizinischen Daten der dänischen Bevölkerung erlaubt es mit bislang unerreichter Genauigkeit, die Folgen psychischer Erkrankungen zu erfassen: Die Mortalitätsrate ist im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung mehr als verdoppelt, die Lebenserwartung um 5 – 15 Jahre verkürzt.

Hintergrund

Systematische Übersichtsarbeiten haben wiederholt gezeigt, dass die Mortalität von Menschen mit psychischen Erkrankungen erhöht ist. Die Schätzungen sind jedoch wenig detailliert, und wurden noch niemals – wie in der vorliegenden Arbeit – anhand von vollständigen Daten der Gesamtbevölkerung eines Landes ermittelt.

Design

Populationsbasierte Kohortenstudie mit allen Menschen unter 95 Jahren, die zwischen 1995 und 2015 in Dänemark gelebt haben (n = 7.369.926). Die Daten zu psychischen Erkrankungen stammen aus dem Dänischen Zentralregister für psychiatrische Forschung; Todesdatum und Todesursache wurden dem dänischen Sterberegister entnommen. Die psychischen Erkrankungen wurden in 10 Gruppen gegliedert, die Todesursachen in 11 Gruppen. Letztere wurden nochmals in natürliche (Krankheiten) und externe (Mord, Selbstmord, Unfall) Ursachen kategorisiert. Geschätzt wurden schließlich geschlechtsspezifische und altersspezifische Mortalitätsraten (MMR) sowie verlorene Lebensjahre (LYL) für alle vorab definierte Entitäten.

Ergebnisse

  • Die Mortalitätsrate psychisch kranker Menschen in Dänemark lag bei 28,70 pro 1000 Personenjahre (95%-Konfidenzintervall 28,57 – 28,82); in der Gesamtbevölkerung war die Mortalität mit 12,95 / 1000 Personenjahre weniger als halb so hoch (95%-KI 12,93- 12,98).
  • Sämtliche psychischen Erkrankungen waren mit einer erhöhten Mortalität assoziiert. Die Spannweite im Mortalitätsratenverhältnis betrug im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung 1,92 für Gemütserkrankungen bis 3,91 bei Substanzmissbrauch. Am höchsten war die Differenz im 34. Lebensjahr mit einer MMR von 7,25
  • Die Lebenserwartung war unter allen Arten psychischer Erkrankungen verkürzt. Die Zahl der durchschnittlich verlorenen Lebensjahre reichte von 5,42 für organische Erkrankungen bei Frauen bis zu 14,84 für Männer mit Substanzmissbrauch.
  • Bei der Untersuchung der Todesursachen entdeckten die Forscher unter anderem, dass psychisch kranke Männer zwar eine höhere Krebssterblichkeit als die Allgemeinbevölkerung hatten, jedoch weniger Lebensjahre durch Neoplasmen verloren. Die Erklärung dafür ist aber nicht ein möglicher Schutzeffekt der psychischen Erkrankungen, sondern deren selbst im Vergleich zu einer Krebserkrankung erhöhte Sterblichkeit.

Klinische Bedeutung

Wieder einmal liefern Epidemiologen aus Skandinavien – hier Dänemark – eine Fülle von zuverlässigen, klinisch und volkswirtschaftlich relevanten Daten zur Auswirkung spezifischer Krankheiten auf die Bevölkerung. In der Summe unterstreichen diese Befunde erneut die Notwendigkeit eines koordinierten Vorgehens bei der Versorgung psychisch kranker Menschen, und sie helfen zudem bei der Priorisierung von Forschungsanstrengungen zur Reduktion der Krankheitslast.

Finanzierung: Danish National Research Foundation.