Psychiater-Fachgesellschaft fordert bessere Versorgung psychisch erkrankter Straftäter

  • Dr. med. Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten
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Insassen von Haftanstalten seien „auch hinsichtlich der psychischen Gesundheit eine besonders belastete Gruppe“, erklärt Professor Elmar Habermeyer von der Klinik für Forensische Psychiatrie der Universitätsklinik Zürich. Dies verdeutlichten ihm zufolge exemplarisch Untersuchungen, nach denen in Häftlingspopulationen mit einem Anteil von 5–8 % psychotischer bzw. schizophrener Psychosen zu rechnen sei. Ein weiteres, für die medizinische Versorgung zunehmend relevantes Problem ergebe sich durch die zunehmende Zahl älterer Häftlinge.

Menschen mit psychischen Erkrankungen sind laut DGPPN (Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde e. V.) nicht generell gefährlicher als psychisch gesunde Menschen. Bei einzelnen Diagnosen könne es aber – insbesondere im Zusammenhang mit Drogenmissbrauch – vermehrt zu aggressivem Verhalten und Straftaten kommen.

Die Frage des Gewaltrisikos bei psychi­schen Erkrankungen sei wiederholt Anlass für fachlichen Disput gewesen, erklärt dazu auch Professor Dr. med. Stefan Orlob (PSYCHPROLEX – Praxis für forensisch-psychiatrische Begutachtung in Stralsund). Noch bis in die 1990er­Jahre habe als herrschende Meinung gegolten, dass psychisch kranke Men­schen kein höheres Risiko für gewalttä­tige Delikte hätten. Dies stützte sich in Deutschland, wie der Psychiater weiter berichtet, insbesondere auf eine empirische Untersuchung zwischen 1955 bis 1964. Spätere epidemiologische Studien an großen Geburts­- und Bevöl­kerungskohorten hätten jedoch gezeigt, dass bei einzelnen psychiatrischen Erkrankungen und ungünstigen Merkmals­kombinationen ein erhöhtes Delin­quenzrisiko bestehe. In den Fokus gerückt sei "insbesondere das Risiko für Gewalttaten bei Erkrankung aus dem schizophrenen Formenkreis, Suchterkrankung oder spezifischer Persönlich­keitsstörung.

Die Täter werden, je nach Kontext und Schwere der Tat, in Akutpsychiatrien, in Justizvollzugsanstalten oder im Maßregelvollzug behandelt. Für die Öffentlichkeit sind die Umstände der Straftaten und ihre rechtlichen Folgen nicht immer leicht nachvollziehbar; sie unterliegen häufig Fehlinterpretationen. Eine Unterbringung in der forensischen Psychiatrie aufgrund von Schuldunfähigkeit werde mitunter als unzureichende Bestrafung betrachtet, so die DGPPN. Würden entlassene Sexualstraftäter rückfällig, werde dies nicht selten dem Maßregelvollzug angekreidet. Andererseits werde der Forensik auch vorgeworfen, Patienten nach nicht ersichtlichen Kriterien unangemessen lange „wegzusperren”.Tatsächlich lagen bisher zur Situation des Maßregelvollzugs in Deutschland kaum öffentlich zugängliche Daten vor. Die DGPPN hat deshalb unter Federführung des Referats „Forensische Psychiatrie“ eine Umfrage unter den 78 deutschen Kliniken für Maßregelvollzug durchgeführt.

Die Ergebnisse seien ernüchternd, berichtet die Fachgesellschaft. So beklage der Großteil der Kliniken, die sich an der Umfrage beteiligt hätten, eine deutliche Überbelegung, nicht zuletzt aufgrund steigender Patientenzahlen. Und: Zu wenig Personal und mangelhafte Räumlichkeiten verhindern, dass Patienten eine optimale Behandlung erhalten. Mehr als jeder vierte Patient sei länger als zehn Jahre im Maßregelvollzug untergebracht. Ein Drittel der Kliniken berichte eine steigende Zahl an körperlichen Übergriffen durch Patienten.

„Zu viele Patienten, zu wenig Ressourcen. Unter den derzeitigen Umständen ist es, trotz des enormen Engagements der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, sehr schwer geworden, den gesetzlichen Auftrag der Kliniken für den Maßregelvollzug dauerhaft sach- und fachgerecht zu erfüllen“, fasst Professor Dr. Jürgen Müller, Leiter des zuständigen DGPPN-Referats, die Ergebnisse der Umfrage zusammen. „Wir brauchen dringend eine Vereinheitlichung der gesetzlichen Grundlagen über die Bundesländer hinweg, eine Reform des Maßregelrechts, eine auskömmliche Finanzierung und eine bundesweite Erfassung der Daten zu Unterbringung und Behandlung.“

Auch in den Gefängnissen leide die Behandlung von Menschen mit psychischen Erkrankungen unter mangelnden Ressourcen. Allerdings sei man für die Beurteilung der Lage hier derzeit noch von unsystematischen Einzelberichten abhängig. Deshalb plant die DGPPN auch zur Situation von psychisch kranken Straftätern in Justizvollzugsanstalten eine Umfrage, um auf Basis wissenschaftlich fundierter Informationen Reformvorschläge für eine verbesserte Behandlung machen zu können. Professor Dr. Thomas Pollmächer, Präsident der psychiatrischen Fachgesellschaft, resümiert: „Am besten wäre es natürlich, wenn es erst gar nicht zu Straftaten oder in der Folge zur Unterbringung kommen müsste. Dafür brauchen wir eine deutliche Stärkung der Prävention, einen Wiederaufbau der Vernetzung mit der Allgemein- und Gemeindepsychiatrie und eine Stärkung supportiver und nachbetreuender Einrichtungen.“ Die Ergebnisse der Umfrage zum deutschen Maßregelvollzug wurden in einem Symposium auf dem DGPPN-Kongress vorgestellt. Eine Veröffentlichung in einer Fachzeitschrift sei in Vorbereitung.