Prof. Sandra Ciesek: „Aktuell sind die Kapazitäten ausreichend, um alle symptomatischen Verdachtsfälle zu testen.“


  • Andrea Hertlein
  • Interviews
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Je mehr auf SARS-CoV-2 getestet wird, desto weniger Infektionen bleiben unerkannt. Deshalb rät die Weltgesundheitsorganisation (WHO) allen Ländern: "Testen, testen, testen!" Ob wir in Deutschland mit dem Testen überhaupt noch hinterherkommen, darüber sprach Univadis mit Frau Professor Sandra Ciesek, Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie der Universitätsklinik Frankfurt. Aber auch zu Antikörpertests, klinischen Parametern, die auf einen schweren Krankheitsverlauf deuten und zum aktuellen Stand in der Medikamentenentwicklung gibt die Virologin Auskunft.

Frau Professor Ciesek, zu den seit Tagen diskutierten Fragen zählt sicherlich die, warum es beim Anteil der infizierten Menschen, die an COVID-19 sterben, im Ländervergleich so extreme Unterschiede gibt. Was ist aus Sicht der Virologen einer der Hauptgründe für die unterschiedlichen Case Fatality Rates?

Hier ist noch viel spekulativ, es gibt verschiedene Theorien. Ein Hauptgrund ist sicherlich die Berechnung der Case Fatality Rate: Entscheidend ist hier nämlich der Nenner, als die Anzahl der Fälle. Die hängt natürlich davon ab, wie viele Tests bei mild erkrankten oder sogar bei asymptomatischen Menschen erfolgen. Wird wenig getestet, und nur bei schwer Erkrankten, steigt die Case Fatality Rate, da nun der Nenner kleiner ist. Wird viel getestet, und somit mehr Fälle aufgedeckt, sinkt der Wert. Weitere Gründe könnten in der Population zu finden sein (z.B. Anteil an Menschen, die den Risikogruppen zuzuordnen sind, z.B. Ältere Menschen, Raucher, etc.), evtl. auch genetische Faktoren. Auch die medizinische Versorgung könnte eine Rolle spielen (Behandlung auf einer Intensivstation). Auch muss noch untersucht werden, ob die genetischen Unterschiede der Virusisolate möglicherweise unterschiedliche schwere Erkrankung hervorrufen. Aber auch hier muss noch viel erforscht werden.

Noch haben wir in Deutschland eine sehr geringe Fallsterblichkeit verglichen mit anderen europäischen Ländern wie Italien oder Spanien. Werden wir mit steigender Infektionszahl hierzulande mit dem Testen überhaupt hinterherkommen?

Es kommt hier sehr auf die Kriterien an, nach denen entschieden wird, ob eine Testung erfolgt. Aktuell sind die Kapazitäten ausreichend, um alle symptomatische Verdachtsfälle zu testen. Entscheidend ist, dass eine Testung bei zwei wichtigen Gruppen stattfindet: Bei erkrankten Menschen, die sich in stationärer Behandlung befinden, und bei medizinischem Personal. Hier muss eine Testung erfolgen, um Krankenhausausbrüche zu verhindern, und die Therapie bei schwer erkrankten Menschen zu leiten

Gegenüber der dpa äußerten Sie " Was die Tests angeht, wird sich die Lage bald entspannen" . Können Sie dies konkretisieren?

Jedes größere Diagnostikunternehmen bringt derzeit eigene Tests auf SARS-CoV-2 raus, das führt dazu, dass wir nicht mehr auf einen Anbieter angewiesen sind, sondern es sich auf „mehrere Schultern“ verteilt. Ich hoffe, dass diese Diagnostikunternehmen auch dann ausreichend Tests produzieren.

Wie sieht es aus mit Antikörpertests? Berichten zufolge sollen bereits erste Selbsttests auf dem Markt sein. Was sind die Nachteile dieser Testverfahren?

Gegenüber dem Direktnachweis des Erregers, der ja gewöhnlich aus einem Rachen- oder tiefen Nasenabstrich erfolgt, haben Antikörpertests entscheidende Nachteile. So kann bei einer frischen Infektion ein solcher Test noch negativ ausfallen, eine Erkrankung könnte, obwohl sie vorliegt, somit übersehen werden. Daher spielt zum Beispiel bei der saisonalen Grippe, der Influenza, die Antikörperdiagnostik auch keine große Rolle. Auch wissen wir noch nicht sicher, ob Menschen, bei denen Antikörper nachgewiesen werden, die eine durchgemachte Infektion anzeigen, auch wirklich ein Schutz vor erneuter Infektion besteht. Für die Forschung sind Antikörperuntersuchungen hingegen sehr interessant, aber noch nicht ausreichend auf die Zuverlässigkeit hin untersucht. Auch daran arbeiten wir gerade.

Wann ist mit den ersten Antigentests zu rechnen? Inwieweit würden diese zu einer Entlastung beitragen?

Dazu kann ich nichts sagen, noch wir hier in Frankfurt bislang nur Antikörpertests haben. Deshalb kann ich keine Aussgage darüber treffen, inwieweit diese zur Entlastung führen würden.

Wir sehen, dass vorwiegend ältere Menschen auf der Intensivstation landen und beatmet werden müssen. Werden auch bei jüngeren Menschen schwere Krankheitsverläufe beobachtet? 

Schwere, und auch tödliche Verläufe werden auch bei Menschen beobachtet, die jünger als 60 Jahre sind. Aber mit zunehmendem Alter steigt das Risiko deutlich an, schwer zu erkranken, oder sogar zu versterben. Bei Kindern hingegen werden zwar auch Infektionen mit SARS-CoV-2 beobachtet, die dann aber meist milder verlaufen. Die Rolle von Kindern in der Verbreitung des Virus muss noch genauer erforscht werden. Auch warum Kinder seltener schwer erkranken, ist noch nicht endgültig geklärt.

 Weiß man schon, welche klinischen Parameter Hinweise auf einen schweren Verlauf geben könnten?

Entscheidend ist die Lungenfunktion, die Notwendigkeit der Beatmung geht mit hoher Sterblichkeit (Mortalität) einher. Es wurde beschrieben, dass bei schweren Verläufen die Viruslast (Menge von Virus im Abstrich oder auch im Blut) höher ist als bei milden, und die Viren auch länger ausgeschieden werden. Klinisch wird berichtet, dass es bei Verschlechterung zu einer Erhöhung der Entzündungswerte kommt, sowie zu einem Abfall der Lymphozyten (Lymphopenie), neben anderen Laborveränderungen. Auch eine Verschlechterung der Herzfunktion scheint zu schweren Verläufen beizutragen.

Es wird vermutet, dass eine Person, die sich mit SARS-CoV-2 infiziert hat, danach für eine gewisse Zeit immun ist. Was weiß man mittlerweile?

Hier ist es für eine fundierte Aussage noch zu früh, wir können noch nicht sicher sagen, ob und wie lange nach einer durchgemachten Infektion eine Immunität besteht.

Was tut sich im Bereich der Medikamentenentwicklung. Gibt es schon klinische Studien mit potentiellen Wirkstoffen?

Wir arbeiten mit im Labor mit Hochdruck daran, welche schon für anderen Erkrankungen zugelassenen Medikamente bei SARS-CoV-2 wirksam sind (Repurposing) und über welchen Mechanismus sie wirken. Dies hat den Vorteil, dass man zu der Sicherheit der Anwendung bereits schon auf Erfahrungen zurückgreifen kann. Außerdem testen wir verschiedene andere Substanzen auf ihre Wirksamkeit gegen SARS-CoV-2 und haben in Kooperation mit anderen Wissenschaftlern hier in Frankfurt (Christian Münch, Ivan Dikic) eine Proteomanalyse durchgeführt, die uns dabei hilft, mögliche Signalwege zu identifizieren, die dann wiederum therapeutisch genutzt werden können.

Wir bedanken uns bei Frau Prof. Ciesek ganz herzlich für das Interview.