Prof. Dirk Brockmann: „Ich bin optimistisch, dass wir eine Eindämmung von COVID-19 ohne radikale Maßnahmen, wie einer Ausgangssperre, erreichen.“


  • Andrea Hertlein
  • Interviews
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Univadis sprach mit dem Physiker Professor Dirk Brockmann von der Humboldt-Universität zu Berlin. Als Leiter der Forschungsgruppe „Epidemiologische Modellierung von Infektionskrankheiten“ am Robert Koch-Institut berechnet er in mathematischen Modellen und Computersimulationen, wie sich die Epidemie des neuartigen Coronavirus künftig entwickeln wird.

Herr Professor Brockmann, das Robert Koch-Institut meldet hierzulande mehr als 4. 954 Neuinfektionen von SARS-CoV-2 (Stand 25.3.). Breitet sich das neuartige Coronavirus in Deutschland exponentiell aus?

Da es etwa alle dreieinhalb Tage zu einer Verdopplung der Infektionszahlen kommt, könnte man meinen, es handelt sich um ein exponentielles Wachstum. Beim genaueren Betrachten der Zahlen über einen Verlauf sieht man allerdings, dass es vom exponentiellen Wachstum leichte Abweichungen nach unten gibt, also eine leichte Krümmung der Kurve.

Grund optimistisch zu sein, was die Entwicklung von COVID-19 in Deutschland betrifft?

Die Entwicklung, die wir sehen, ist tatsächlich ganz vielversprechend. Das heißt, es gibt derzeit keine Ausbreitung von SARS-CoV-2, die komplett unkontrolliert ist.

Wie ist die Situation in anderen europäischen Ländern?

Während in Deutschland die Abweichung vom exponentiellen Wachstum noch relativ gering ist, fällt sie in anderen europäischen Ländern bereits stärker aus. So sieht man beispielsweise in Italien eine starke Krümmung der Kurve, was dafür spricht, dass die Verhaltensänderungen der Bevölkerung bereits eine große Wirkung zeigen. Es gibt aber auch viele andere Länder, die eine derart positive Entwicklung aufweisen. Das heißt nicht, dass dort die COVID-19-Fallzahlen nicht weiter zunehmen, sondern, dass die Verdopplungszeit immer länger wird. Ein gutes Beispiel dafür ist auch die Schweiz, in der man zwar pro Kopf hohe Fallzahlen hat, aber bereits eine starke Krümmung der Wachstumskurve zu sehen ist. Genauso Norwegen oder Finnland. Auch dort sieht man ein stark gekrümmtes Verhalten der Kurve, fast schon eine Art Sättigung. Auch in Frankreich sieht es derzeit ganz gut aus.

Wie entwickelt sich die Ausbreitung von COVID-19 in den USA, wo die Zahl der Infizierten derzeit massiv in die Höhe schnellt und Experten zufolge noch das Schlimmste bevorsteht?

In den USA aber auch im Vereinigten Königreich ist der Trend einer Abweichung vom exponentiellen Wachstum derzeit nicht oder nur ganz schwach zu beobachten. In den USA werden am Ende des Monats etwa 200.000 Infizierte erwartet, wenn die Regierung nicht entsprechend handelt. Der Wert könnte aber auch bis 400.000 oder 500.000 hochgehen.

Mit welchen Fallzahlen ist in Deutschland Ende des Monats zu rechnen?

Laut einwöchiger Prognose liegen wir Ende März zwischen 50.000 und 74.000 Infizierten.

Kann man sagen, dass die Maßnahmen in Deutschland, so auch das Kontaktverbot vom vergangenen Sonntag, bereits Wirkung zeigen?

Verhaltensänderungen im Sinne von physical distancing wirken immer, aber werden in der Statistik erst später sichtbar. Das liegt an der langen Zeitverzögerung, die durch eine lange Inkubationszeit und eine lange Zeit, die vergeht, bis Menschen, die infiziert sind auch registriert werden, zu erklären ist. Die neuen Fallzahlen, die jetzt hinzukommen, sind Menschen, die sich vielleicht vor etwa 10 bis 14 Tagen infiziert haben. Wenn sich das Verhalten der Bevölkerung ändert, ist dies in den Wachstumskurven auch erst in ein bis zwei Wochen sichtbar. Schaut man sich aber den Gesamtverlauf in Deutschland und vielen anderen europäischen Ländern an, kann man anhand der Wachstumskurven sehen, dass die Maßnahmen zum physical distancing bereits greifen.

Reicht das aus, oder ist doch eine bundesweite Ausgangssperre wie in Spanien, Italien oder Frankreich notwendig, um die Epidemie einzudämmen?

Das ist eine Frage, die nur sehr schwer zu beantworten ist. Was wir von dem Modell wissen ist, dass das neuartige Coronavirus, wenn es sich frei entfaltet, eine Reproduktion von 2 bis 4 hat. Das heißt: eine infizierte Person steckt im Mittel 2 bis 4 weitere Menschen an. Man muss dafür sorgen, dass durch das Abstandhalten zu anderen Menschen diese Zahl abnimmt. In mathematischen Modellen sind wir in der Lage zu berechnen, in welcher Größenordnung das passieren muss.

Was haben die Berechnungen ergeben?

Wenn wir populationsweit 70-80 Prozent weniger physische Kontakte haben oder in die Nähe von anderen Menschen kommen, dann sinkt die Reproduktionsrate des Virus auf unter 1 und dann kann sich das Virus nicht mehr weiter ausbreiten. Das ist quasi eine indirekte Herdenimmunität. Wenn wir keine Restaurants oder Clubs mehr besuchen, keine Partys feiern, sondern stattdessen zuhause bleiben, ist dies relativ leicht zu erreichen. Deshalb bin ich optimistisch, dass eine Eindämmung dieses Virus ohne radikale Maßnahmen, wie einer Ausgangssperre, zu erreichen ist.

Laut einer Studie von Wissenschaftlern der John Hopkins Universität, die kürzlich in Science veröffentlicht wurde , wurden zu Beginn der Epidemie in China ungefähr 86 Prozent der Infektionen übersehen, nur 14 Prozent wurden identifiziert. Auf jeden nachweislich Infizierten kamen also ungefähr sieben unentdeckte Fälle. Können dieses Zahlen auf Deutschland übertragen werden?

Das kann schon sein, ist aber für die Prognose irrelevant. Die Modelle schauen sich nicht nur den IST-Zustand, sondern auch die Dynamik an, also wie sich die Ausbreitung mit der Zeit verändert. Und dafür ist es nicht relevant, wie groß die absoluten Zahlen sind, sondern wie gut die Stichprobe ist; wenn also die bestätigten Fälle eine Stichprobe von den wirklichen Fälle darstellt. Für epidemiologische Fragen ist es dagegen natürlich wichtig, wie groß die Dunkelziffer ist, weil man nur dann Aussagen über die Immunität der Population treffen kann. Aber inwiefern eine Epidemie gestoppt wird oder inwiefern sich die Ausbreitungsgeschwindigkeit ändert, dafür reichen die bestätigten Fälle aus.

Wir bedanken uns ganz herzlich bei Herrn Prof. Brockmann für das Interview.