Pro & Contra: Manipulationsbremse


  • Presseagentur Gesundheit (pag)
  • Pro & Contra
Der Zugang zum gesamten Inhalt dieser Seite ist nur Angehörigen medizinischer Fachkreise vorbehalten. Der Zugang zum gesamten Inhalt dieser Seite ist nur Angehörigen medizinischer Fachkreise vorbehalten.

Wenn die Diagnosekodierungen bei Krankheiten stark steigen, bekommen alle Kassen hierfür keine Zuweisungen mehr. Diese „Manipulationsbremse“ ist Bestandteil der Reform des morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleichs (Morbi-RSA) und Teil des Entwurfs zum Fairer-Kassenwettbewerb-Gesetz. Die Regelung polarisiert: Für die einen sorgt sie für mehr Fairness, für andere gefährdet sie wertvolle Versorgungskonzepte. Lesen Sie, warum.

 

Pro Manipulationsbremse:

 

Franz Knieps © pag

„Wissenschaftliche Studien zeigen, dass die Häufigkeit einer Diagnose zunimmt, sobald die zugehörige Krankheit im Morbi-RSA Berücksichtigung findet. Das Beispiel Adipositas zeigt es deutlich: Mit der Aufnahme im Morbi-RSA in 2012 stieg die Zahl der Fälle von ca. 500.000 auf fast zwei Millionen in 2016. Dem steht wohl kaum ein tatsächlicher Anstieg der Adipositasraten gegenüber. Vielmehr kann vermutet werden, dass auf die ärztliche Diagnosestellung über Selektivverträge bzw. die Praxissoftware Einfluss genommen wurde. Insofern ist es richtig, dass nun Anreize verringert werden, auf die ärztliche Diagnosestellung einzuwirken, wie durch die Einführung einer Manipulationsbremse. Dazu gehört auch das Verbot von einer direkten Verbindung „Geld gegen Diagnose“.

Damit wird die hausarztzentrierte bzw. besondere Versorgung in keiner Weise gefährdet, denn es gab Selektivverträge und hausarztzentrierte Verbesserung vor dem Morbi-RSA ohne direkten Diagnosebezug. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass mit dem Gesetz auch ein Vollmodell eingeführt wird, sind die Maßnahmen zur Begrenzung von Kodierbeeinflussung notwendig. Im Sinne eines fairen Morbi-RSA sollten nicht die Krankenkassen belohnt werden, die möglichst findig bestehende Lücken im System ausnutzen, sondern die, die eine gute Versorgung ihrer Versicherten sicherstellen.“

 

Franz Knieps, Vorstand des BKK Dachverbandes

 

 

Contra Manipulationsbremse

 

Dr. Werner Baumgärtner © pag

„Die Regelung gefährdet die Haus- und Facharztverträge in Baden-Württemberg. Hier sind fast drei Millionen Versicherte, darunter rund 200.000 Kinder, in der HZV eingeschrieben und ca. eine Million in den Facharztverträgen. Ca. 5.000 Haus- und Kinderärzte und über 2.000 Fachärzte und Psychotherapeuten nehmen teil. Patienten bekommen schneller Termine und werden nachweislich besser versorgt. Praxen werden besser bezahlt und haben Planbarkeit. Wir steuern durch die Koordinierungsfunktion des Hausarztes und durch Vergütungsanreize für die Versorgung.

Bei den Kardiologen gibt es z.B. bei Herzinsuffizienz NYHA 3-4 eine kontaktabhängige Leistung, die bis zu zwölf Mal im Quartal abgerechnet werden kann, damit der Patient ambulant betreut wird und die Leistungen des Arztes bezahlt werden. Dadurch haben wir fast sieben Prozent weniger stationäre Behandlungen im Jahr. Ursache der Verschärfung ist ein Streit der Kassen um Anteile des Morbi-RSA. Besser wäre Wettbewerb um Versorgung, denn die Morbiditätsdaten lassen kein Upcoding erkennen. Fakt ist auch: In den Praxen wird eher schlecht kodiert im Vergleich zu den Krankenhäusern. Es muss eine Öffnungsklausel für die Haus- und Facharztverträge ins Gesetz. Die muss so eindeutig sein, dass es keinen Interpretationsspielraum für das BVA gibt, sonst sind die Verträge nicht zu managen und würden zum Auslaufmodell.“

 

Dr. Werner Baumgärtner, Vorsitzender MEDI Verbund