Primärprävention mit Statinen: Nutzen für alte Menschen infrage gestellt


  • Dr. med. Thomas Kron
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Die Primärprävention mit Statinen ist bei über 75-Jährigen nicht mit einer Reduktion kardiovaskulärer Erkrankungen und Todesfälle einhergegangen. Nur Typ-2-Diabetiker haben möglicherweise von den Lipidsenkern profitiert.

Hintergrund

Der Anteil der über 75-jährigen an den Gesamtbevölkerungen von wohlhabenden Ländern wird nach Berechnungen von Epidemiologen in den kommenden Jahrzehnten weiter zunehmen. Da Alter ein kardiovaskulärer Risikofaktor ist, stellt sich unter anderen die Frage, ob über 75-jährige  Menschen von einer Primärprävention mit Statinen profitieren. Mit steigendem Anteil alter Menschen wird wahrscheinlich auch der Anteil von alten Typ-2-Diabetikern zunehmen, deren kardiovaskuläres Risiko besonders hoch ist. Auch hier stellt sich die Frage nach dem Nutzen einer Primärprävention mit Statinen. Antworten auf diese Fragen könnten mit Hilfe von Risiko-Scores gegeben werden, die beim Parameter Alter allerdings bei 65 Jahren enden. Ein Team spanischer Wissenschaftler ist den Fragen zur Primärprävention nun mit einer Datenanalyse nachgegangen.

Design

Retrospektive Kohorten-Studie mit knapp 47.000 Personen, die mindestens 75 Jahre alt waren (im Durchschnitt 77) und keine Herzgefäß-Krankheit hatten. Die Beobachtungsdauer betrug im Mittel 5,6 Jahre. 

Hauptergebnisse

Bei den rund 4800 alten (75 bis 84 Jahre) wie auch den 743 sehr alten Patienten (mindestens 85) ohne Diabetes, die Statine erhielten, war diese-Behandlung nicht mit einer Reduktion kardivaskulärer Erkrankungen und der Gesamt-Mortalität verbunden. Für kardiovaskuläre Erkrankungen ergaben die Berechnungen bei den maximal 84-Jährigen eine HR (Hazard Ratio) von 0,94 (95% CI: 0,86  bis 1,04). Bei der Gesamt-Mortalität betrug die HR 0,98 ((0,91 - 1,05). Bei den mindestens 85-Jährigen ohne Diabetes ergaben sich HR-Werte von  0,93 (0,82 - 1,06) und 0,97 (0,90 - 1,05). 

Im Gegensatz zur Primärprävention bei den über 75-Jährigen ohne Diabetes ging die Statin-Behandlung bei den alten Diabetes-Patienten (n = 1756) mit einer Reduktion der kardiovaskulären Erkrankungsrate um 24 Prozent und der Mortalitätsrate um 16 Prozent einher (HR 0,76 und 0,84). Dies galt aber nur für die maximal 84-jährigen-Diabetes-Patienten. Bei den älteren Diabetikern mit Statinen (n = 201) ergaben die Berechnungen nur eine Reduktion der Rate kardiovaskulärer Erkrankungen (HR 0,82). 

Klinische Bedeutung

Die Ergebnisse der retrospektiven Studie sprechen nach Ansicht der Autoren gegen eine breite Anwendung von Statinen bei alten und sehr alten Menschen. Die Autoren betonen allerdings, dass ihre retrospektive Daten-Analyse eine limitierte Aussagekraft hat. Ein Problem ist, dass retrospektive Kohorten-Studien grundsätzlich anfällig sind für Verzerrungen. Ein Problem in der vorliegenden Studie ist zudem, dass die Gesamt-Population zwar aus knapp 47.000 Personen bestand, die jeweiligen Subgruppen jedoch teilweise sehr klein waren; so betrug die Zahl der mindestens 85-Jährigen, die keinen Diabetes hatten und Statine erhielten, nur 743; die Zahl der ebenso alten Diabetes-Patienten mit Statinen war mit 201 sogar noch geringer. 

Insgesamt liefert die Studie keine wirklich ausreichenden Argumente für eine sehr rigide Indikationsstellung zur Primärprävention mit Statinen bei alten und sehr alten Menschen. Allerdings gibt es auch für eine breite oder sehr „liberale“ Indikationsstellung bei dieser Bevölkerungsgruppe noch nicht genügend wissenschaftliche Daten. 

Finanzierung: spanischer Staat, Europäische Union