Primärprävention mit Statinen: Leitlinien mit liberaler statt konservativer Indikation überlegen

  • JAMA Cardiology

  • von Dr. med. Thomas Kron
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Wie effektiv die Primärprävention mit Statinen ist, hängt davon ab, nach welchen Leitlinien vorgegangen wird. Am effektivsten ist sie, wenn den Empfehlungen mit eher großzügiger Indikationsstellung gefolgt wird, etwa den Empfehlungen des NICE oder der beiden US-Fachgesellschaften ACC und AHA (American College of Cardiology/ American Heart Association; 2018).

Hintergrund

Seit 2014 haben mehrere Fachgesellschaften und Institutionen Empfehlungen zur Primärprävention mit Statinen veröffentlicht, und zwar:  

  • UK National Institute for Health and Care Excellence (NICE; 2014),
  • Canadian Cardiovascular Society (CCS; 2016)
  •  European Society of Cardiology/European Atherosclerosis Society (ESC/EAS; 2016)
  • American College of Cardiology/ American Heart Association (ACC/AHA; 2018)
  • die US Preventive Services Task Force (USPSTF; 2016) hat eine Stellungnahme veröffentlicht.

Trotz gleicher Studien-Grundlage unterscheiden sich die Empfehlungen, so dass sich die Frage stellt, nach welchen Empfehlungen vorgegangen werden sollte. Die Autoren der vorliegenden Studie sind daher der Frage nachgegangen, welche Leitlinie am besten geeignet ist, die Last an kardiovaskulären Ereignissen in der Bevölkerung zu reduzieren.

Design

Als reale Studien-Population verwendeten die Autoren 45.750 Teilnehmer (Alter 40 bis 75) der „Copenhagen General Population Study“ mit einer mittleren Beobachtungsdauer von 10,9 Jahren. Die Teilnehmer waren zum Zeitpunkt der Aufnahme in die Bevölkerungs-Studie (2003 bis 2009) alle frei von kardiovaskulären Erkrankungen. Berechnet wurde zum einen die NNT (number needed to treat), um innerhalb von zehn Jahren ein kardiovaskuläres Ereignis durch die Statin-Therapie zu verhindern. Zum anderen berücksichtigten die Autoren die Zahl der Studienteilnehmer, bei denen in Abhängigkeit von den unterschiedlichen Empfehlungen eine Statin-Gabe indiziert sein würde. Außerdem ermittelten sie die Sensitivität und Spezifität der Leitlinien für ein kardiovaskuläres Ereignis. Die Autoren gingen davon aus, dass eine Reduktion des LDL-Cholesterin-Wertes um 38 mg/dl (0,98 mmol/l) mit einer relativen Reduktion kardiovaskulärer Komplikationen um 25 Prozent verbunden ist.

Hauptergebnisse

1. Bei der NNT gab es zwischen den Leitlinien keine relevanten Unterschiede für eine moderate und eine intensive Statin-Therapie:

  • CCS-Kriterien: Hier ergaben die Berechnungen NNT von 32 bei der moderaten Statin-Therapie und von 21 bei der intensiven. 
  • ACC/AHA-Kriterien: 30 und 20
  • NICE: 30 und 20
  • USPSTF-Kriterien: 27 und 18
  • ESC/EAS-Kriterien: 29 und 20.

2. Für eine Primärprävention mit Statinen geeignet waren:

  • CCS: 44 Prozent
  • ACC/AHA: 42 Prozent
  • NICE: 40 Prozent
  • USPSTF: 31 Prozent
  • ESC/EAS: 15 Prozent

Ähnliche Resultate wurden erzielt, wenn Diabetes-Patienten ausgeschlossen wurden, ebenso allein bei Frauen und bei Männern.

3. Sensitivität und Spezifität für ein kardiovaskuläres Ereignis betrugen: 

  • CCS: 68 und 59 Prozent
  • ACC/AHA: 70 und 60 Prozent
  • NICE: 68 und 63 Prozent
  • USPSTF: 57 und 72 Prozent
  • ESC/EAS: 24 und 86 Prozent.

Klinische Bedeutung

Die Ergebnisse zeigen, dass eine Primärprävention nach den Leitlinien mit der großzügigeren Indikation zur Statin-Gabe im Vergleich zu einer eher konservativen am besten das Ziel „Reduktion der Last durch kardiovaskuläre Ereignisse“ in der Bevölkerung erreicht, und zwar ohne dass dieser Vorteil durch eine höhere NNT kompensiert bzw. zunichte gemacht wird. 

Finanzierung: Aarhus University, Herlev and Gentofte Hospital, Copenhagen University Hospital, Copenhagen County Foundation