Prävention chronischer Rückenschmerzen: risikoadaptierte Kurzintervention wenig erfolgreich

  • Der Schmerz

  • von Dr. med. Thomas Kron
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Im Vergleich zur Routineversorgung bei Patienten mit akuten Rückenschmerzen führte eine risikoadaptierte Kurzintervention in Hausarztpraxen zu keinen klinisch relevant besseren Verläufen. Eine Subgruppen-Analyse lieferte allerdings Hinweise auf einen möglichen Nutzen bei therapie-adhärenten Patienten. Die Adhärenz war jedoch mäßig.

Hintergrund

Bei manchen Patienten mit akuten Rückenschmerzen - etwa zehn bis 15 Prozent - werden die Beschwerden chronisch. Für eine solche Entwicklung gibt es mehrere psychosoziale Risikofaktoren. Dazu zählen zum Beispiel depressive Verstimmungen, die Neigung zur Katastrophisierung und Probleme am Arbeitsplatz. Auch aufgrund der enormen volkswirtschaftlichen Folgekosten durch chronische Rückenschmerzen sind Interventionen, die einer Chronifizierung entgegenwirken, überaus wichtig. Die Autoren der Nationalen VersorgungsLeitlinie „Nicht-spezifischer Kreuzschmerz“ empfehlen als Voraussetzung für gezielte Maßnahmen ein Screening auf Risikofaktoren. Screening ist aber nur dann sinnvoll, wenn es wirksame therapeutische Konsequenzen hat. In der vorliegenden Studie wurde daher geprüft, ob ein Screening in Hausarztpraxen auf Risikofaktoren, kombiniert mit einer risikoadaptierten Gruppenintervention, besser vor chronischen Verläufen schützt als die Routineversorgung.

Design

An der randomisierten, kontrollierten, aber nicht-verblindeten Studie in 35 Hausarztpraxen nahmen 354 Patienten mit akuten Rückenschmerzen teil. Nach Screening auf körperliche oder psychosoziale Risikofaktoren für Chronifizierung durch einen Kurzfragebogen mit 9 Items wurden den 176 Patienten im Interventionsarm das „Rückenbuch“ oder standardisierte Gruppeninterventionen als Schulung (4–8 h) angeboten. Die Inhalte der Schulung bestanden in der Vermittlung von Wissen über Rückenschmerzen inkl. psychosozialer Faktoren, sowie von Strategien zum Aufbau körperlicher Aktivität. Patienten im Kontrollarm (n = 178) erhielten nur eine allgemeine Gesundheitsbroschüre, ansonsten wurden sie wie üblich behandelt. Der primäre Endpunkt war die mit Fragebögen erfasste subjektive Funktionskapazität nach 6 und 12 Monaten. Sekundäre Endpunkte waren der Schweregrad der Rückenschmerzen, Angst-Vermeidungs-Überzeugungen, Depressivität, die Selbsteinschätzung des Gesundheitszustands und die Inanspruchnahme medizinischer Leistungen.

Hauptergebnisse

  • Im Beobachtungszeitraum verbesserten sich im Durchschnitt alle Patienten bei den schmerzbezogenen Endpunkten. Die Kurzinterventionen hatten jedoch keine klinisch relevanten Effekte auf die primären und die sekundären Endpunkte, obwohl die Verläufe in der Interventionsgruppe konsistent leicht positiver waren. 
  • Die Adhärenz an die angeboten Interventionen war insbesondere für psychologische Angebote gering. 
  • Eine Subgruppen-Analyse adhärenter versus nicht-adhärenter Patienten zeigte konsistent und klinisch relevant günstigere Verläufe bei den adhärenten Patienten. 

Klinische Bedeutung

Die meisten Interventionsstudien zur Prävention der Chronifizierung von Rückenschmerzen konnten im Vergleich zur Regelversorgung keine oder nur geringe Verbesserungen nachweisen. Auch die in dieser Studie geprüfte risikoadaptierte Kurzintervention führte im Vergleich zur Routineversorgung nicht zu klinisch relevant besseren Verläufen. Dies spricht aber nicht grundsätzlich gegen solche Interventionen. Angesichts der mäßigen Adhärenz ist von entscheidender Bedeutung, die gefährdeten Patienten nicht nur zu identifizieren, sondern ihnen ein „Interventions-Angebot“ zu machen, das sie annehmen und umsetzen. Die Aussage „Problem erkannt, Problem gebannt“ trifft hier nicht zu. Weitere Studien mit einer besseren Umsetzung des Schulungsangebots und Anpassung an die individuellen Patientenbedürfnisse sowie einer besseren Studienlogistik sind notwendig. Dabei ist allerdings zu bedenken, dass auch Interventionen erforderlich sind, die von Hausärzten organisatorisch und ökonomisch zu realisieren sind. 

Finanzierung: Förderinitiative der Bundesärztekammer zur Versorgungsforschung.