Postmortale Organspende in Deutschland: deutlich unter dem aktuellen Potenzial


  • Dr. Nicola Siegmund-Schultze
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Würde eine Hirntoddiagnostik bei potenziellen Organspendern konsequent erfolgen, ließe sich schon unter den derzeit geltenden Rahmenbedingungen die Rate postmortaler Organspender deutlich erhöhen. Das belegt eine repräsentative Studie aus drei  Bundesländern im Osten Deutschlands.

Hintergrund

Deutschland hat die niedrigste Rate postmortaler Organspender unter den Eurotransplant-Mitgliedsländern (ET). Im ET-Verbund werden unter 8 europäischen Ländern inklusive Deutschland postmortale Organe ausgetauscht. Die Spenderrate lag für das Jahr 2017 zwischen 32/1 Mio Einwohner (Kroatien) und 9,3 (Deutschland), die durchschnittliche Spenderrate im ET-Verbund betrug im vorvergangenen Jahr 13,9/1 Mio Einwohner (1).

Bislang gab es keine systematischen Untersuchungen zu den Ursachen nicht erfolgter Diagnostik des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls in Deutschland. Eine solche retrospektive Analyse ist für das Jahr 2016 in der Region Ost der Deutschen Stiftung Organstransplantion (DSO) erfolgt (2). Die DSO koordiniert die postmortale Organspende.

Design

Bei 128 der 144 Entnahmekrankenhäuser in der Region Ost der DSO (Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen) wurde für das Jahr 2016 analysiert, ob und warum nicht bei Verstorbenen mit einer primären oder sekundären Hirnschädigung eine Diagnostik des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls (IHA-D) erfolgte.

Die Analyse basierte auf dem Programm „Transplantcheck“ der DSO. Diese Anwendung ist Excel-basiert und ermöglicht auf gesetzlicher Grundlage die Ermittlung von in der Klinik verstorbenen Patienten mit primärer oder sekundärer Hirnschädigung. Dabei bleiben die Quelldaten im jeweiligen Krankenhaus.

Hauptergebnisse

Im Untersuchungszeitraum wurden 7889 Verstorbene mit einer primären oder sekundären Hirnschädigung detektiert. Bei 121 von ihnen wurden Organspenden realisiert. Für 7389 Patienten kam aus verschiedenen Gründen eine IHA-D nicht in Betracht. In 232 der restlichen 500 Fälle wurde eine IHA-D wegen einer Patientenverfügung gar nicht erwogen. Bei 195 Patienten hatten die Ärzte die Therapie aufgrund einer infausten Prognose beendet, ohne die Option einer Organspende mit den Angehörigen besprochen zu haben. Bei 73 Fällen wäre die Einleitung der IHA-D indiziert gewesen, erfolgte aber nicht. Unter der – realistischen - Annahme, dass bei der Hälfte dieser Patienten ein irreversibler Hirnfunktionsausfall hätte belegt werden können und eine durchschnittliche Ablehnungsquote von 35 % berücksichtigt, hätten 24 mögliche Organspender zusätzlich identifiziert werden können. Pro Spender können durchschnittlich 3,2 Organe entnommen und transplantiert werden.

Klinische Bedeutung

Die Rate potenzieller Organspender ließe sich in der DSO-Region Ost (für 2016: 14,2/1 Mio Einwohner) durch Identifikation aller Patienten, bei denen eine IHA-D indiziert war, relevant erhöhen. Dabei liegt die Spenderrate in der Region Ost über dem bundesdeutschen Durchschnitt. Würde der Patientenwille zur Frage einer Organspende vor der Entscheidung zum Therapieabbruch bei neurologisch infauster Prognose konsequent eruiert, ließen sich nach Meinung der Autoren weitere potenzielle Spender identifizieren. Die DSO schätzt, dass mittelfristig 15-20 Spender/1 Mio Einwohner in Deutschland möglich wären.

Im Jahr 2018 hat sich die Zahl der postmortalen Organspender in Deutschland von 797 (2017) auf 955 erhöht. Dies war nach einem steten Abwärtstrend seit 2010 erstmals wieder eine Steigerung, und zwar um fast 20 %. Derzeit sind Änderungen der rechtlichen Rahmenbedingungen im parlamentarischen Gesetzgebungsverfahren, um Strukturen bei der Organspende zu verbessern und höhere Realisationsquoten zu ermöglichen.
 

Finanzierung: keine Angaben