Pneumokokken-Impfprogramm für Flüchtlingskinder sinnvoll


  • Andrea Hertlein
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaft

Auch wenn die Fallzahlen einer invasiven Pneumokokken-Infektion bei Flüchtlingskindern insgesamt gering sind, erkranken sie vergleichsweise häufiger als in Deutschland geborene Kinder an Erregern, gegen die eine Impfung schützen würde. Darüber hinaus sind die Erreger deutlich häufiger als hierzulande gegen mehrere Antibiotikagruppen resistent. So das Ergebnis einer Studie des Universitätsklinikums Aachen, die im Fachmagazin "Emerging Infectious Diseases" publiziert wurde.

Hintergrund

Von den 10 häufigsten Herkunftsländern für Flüchtlinge, die 2017 nach Deutschland kamen, verfügen sechs über ein nationales Impfprogramm mit Pneumokokken-Konjugatimpfstoffen. Eine rechtzeitige Säuglingsimpfung ist jedoch aufgrund der Krisenlage der Flüchtlinge in vielen Fällen unwahrscheinlich. Trotz immer wieder gemeldeter Pneumokokken-Infektionen in deutschen Flüchtlingsunterkünften umfasst das Impfprogramm für neu eingetroffene Flüchtlinge in Deutschland derzeit keine Impfung gegen Pneumokokken. Dies könne laut dem Nationalen Referenzzentrum für Streptokokken in Aachen möglicherweise dazu führen, dass sich in Deutschland wieder vermehrt Impfserotypen verbreiten.

Design

Das Forscherteam um Stephanie Perniciaro vom Uniklinikum Aachen analysierte Serotypen und Antibiotikaresistenzen von gemeldeten Fällen invasiver Pneumokokken-Infektionen bei Kindern aus den Jahren 2014 bis 2017. Die Wissenschaftler verglichen Proben von 21 Flüchtlingskindern mit denen von 405 in Deutschland geborenen Kindern. Aufgrund eines oft „ungesicherten Impfstatus“ flossen allerdings nur relativ wenige Krankheitsfälle bei Flüchtlingskindern in die Auswertung ein.

Hauptergebnisse

18 der 21 Flüchtlingskinder (86 Prozent) waren gegenüber 21 Prozent der Kinder aus Deutschland zum Zeitpunkt der Erkrankung nicht gegen Pneumokokken geimpft. 13 der nicht-geimpften Flüchtlingskinder hatten eine invasive Pneumokokken-Infektion vom Impfserotyp entwickelt (62% insgesamt; 2014-15, 67%; 2015-16, 67%; 2016-17, 50%). Dagegen kamen solche Erreger nur bei 19 Prozent der an Pneumokokken erkrankten Kinder aus Deutschland vor.

Auch was die Antibiotikaresistenz der Erreger betrifft, schnitten die Flüchtlingskinder schlechter ab: Acht der Proben (38%) von Flüchtlingskindern enthielten Pneumokokken, die gegen mindestens drei Antibiotikaklassen resistent waren, fünf davon waren Impfserotypen. Proben von Kindern aus Deutschland enthielten nur zu zwei Prozent multiresistente Erreger, die Hälfte davon bezog sich auf Impfserotypen.

Klinische Bedeutung

Die Studie zeigt, dass Flüchtlingskinder in Deutschland einem höheren Risiko ausgesetzt sind, an einer antibiotikaresistenten invasiven Pneumokokken-Infektion zu erkranken, die durch eine Impfung vermieden werden könnte. Ohne Intervention könnten daher Flüchtlingskinder in Deutschland weiterhin eine spezielle Risikogruppe für eine Infektion mit multiresistenten Serotyp-Pneumokokken bei ungeimpften oder unzureichend geimpften Kindern aus Deutschland darstellen. Alles spreche demnach dafür, ein Pneumokokken-Impfprogramm für Flüchtlingskinder einzuführen, lautet das Fazit der Studienautoren.