Plaques hin, Plaques her - mehr Bewegung tut gut

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Sport ist - in der Regel - gut für die Gesundheit. Das ist relativ unbestritten. Nicht ganz so klar ist, ob es auch zu viel des Guten gibt und was genau zu viel des Guten wäre. Diesen Fragen sind vor allem für jene ambitionierten oder übereifrigen Freizeit-Sportler relevant, die - aus welchen Gründen auch immer - deutlich mehr und intensiver trainieren als für’s Gesundbleiben oder -werden empfohlen wird, also mehr als wöchentlich 150 Minuten aerobes Training mittlerer Intensität plus etwas Krafttraining. 

Unentdeckte Herzerkrankung ein Risiko

Dass hohe Belastungen, etwa ein Marathon-Lauf, für Menschen mit einer unentdeckten Herzerkrankung gefährlich sein kann, ist bekannt. Nur ein Beispiel sind plötzliche kardiale Todesfälle bei Sportlern, die etwa nach einem viralen Infekt eine Myokarditis entwickelt hatten. Auf eine sehr seltene, aber lebensbedrohliche Komplikation extremer Belastung haben kürzlich US-Kollgen um Dr. Maureen Brogan (Westchester Medical Center, Hawthorne, NY) im „Journal of American Medicine“ hingewiesen - und zwar auf Rhabdomyolysen nach Spinning. Eine solche Komplikation sei zwar sehr selten und natürlich kein Grund, von Sport abzuraten, so Dr. Alan Coffino, Koautor der Publikation. Aber Spinning könne physisch sehr anstrengend sein; Anfänger sollten sich daher langsam an die körperliche Belastung adaptieren.

Schädlich auch für’s Herz gesunder Sportler?

Zwei aktuelle Studien könnten nun die Befürchtung stärken, dass extreme sportliche Belastungen, wie sie etwa bei Marathon- oder gar Ultramarathon-Läufen  auftreten, auch für das Herzgefäß-System trainierter gesunder Menschen schädlich sein könnten. Die Befürchtung ist nicht neu: So publizierten vor fast zehn Jahren deutsche Kardiologen Daten zu Marathon-Läufern, bei denen computertomografisch der Koronarkalk bestimmt wurde. Dabei hatten die Sportler nicht weniger Koronarkalk als Personen in der Allgemeinbevölkerung, obwohl das kardiovaskuläre Risikoprofil der Sportler zum Zeitpunkt der Untersuchung wesentlich günstiger war. Britische Wissenschaftler fanden bei ehemaligen, über 50-jährigen Elite-Langstreckenläufern überproportional häufig Myokardfibrosen

Mehr Koronar-Plaques bei sportlichen Männern

Die beiden aktuellen Studien sind nun zu ähnlichen Ergebnissen wie diese früheren Untersuchungen gelangt. So ermittelten niederländische Autoren in einer Beobachtungs-Studie bei Männern mittleren Alters (56 Jahre) die jahrelang regelmäßig relativ viel Sport getrieben haben, eine höhere Prävalenz eines abnormen Calcium-Scores und atherosklerotischer Koronar-Plaques als bei weniger aktiven Männern. Allerdings hatten die besonders aktiven Männer häufiger rein kalzifizierte und damit „benigne“ Plaques und seltener gemischte Plaques.

Hier einige Details der niederländischen Untersuchung. An der Studie von Dr. Vincent Aengevaeren (Radboud Universität) und seinen Kollegen nahmen 284 Männer teil, die seit Jahren unterschiedlich häufig und intensiv Sport treiben. 53 Prozent von ihnen hatten einen abnormen Calcium-Score (im Mittel 35,8 ); Bei den 75 sportlich aktivsten Männern (pro Woche >2000 MET-Min) betrug der Anteil 68 Prozent (Calcium-Score im Mittel 9,4) bei den am wenigsten Aktiven (wöchentlich weniger als 1000 MET-Min) waren es 43 Prozent. 38 Prozent der aktivsten Männer und 16 Prozent der am wenigsten aktiven hatten kalzifizierte Plaques. Männer, die am wenigsten Sport trieben, hatten hingegen häufiger gemischte Plaques (69 Prozent versus 48 Prozent).

Das Ergebnis der niederländischen Studie bestätigt das Resultat einer Studie von britischen Wissenschaftlern mit 152 im Mittel 54 Jahre alten Ausdauersportlern (darunter 46 Frauen), die keine bekannten kardiovaskulären Risikofaktoren hatten („Circulation). Im Schnitt trainierten sie fast acht Stunden pro Woche. Das Framingham-Risiko betrug um Durchschnitt 3,4%. Personen einer Vergleichs-Gruppe hatten ein ebenfalls niedriges Framingham-Risiko; sie trainierten pro Woche knapp zwei Stunden. Auch in dieser Studie entdeckten die Autoren bei den sportlichen Männern signifikant häufiger Koronar-Plaques, wobei es sich ebenfalls überwiegend um rein kalzifizierte Plaques handelte und weniger um gemische oder nicht verkalkte Plaques; darüber hinaus fanden sich nur bei den Sportlern, nicht hingegen bei Männern der Vergleichs-Gruppe, Calcium-Score-Werte von über 400 (Agatston Score). Zusätzlich hatten einige Athleten Myokardfibrosen, nicht dagegen Männer der Vergleichs-Gruppen. Diese Befunde trafen allein auf die Männer zu. Bei den Frauen war kein entsprechender Unterschied zu sehen, was jedoch an der geringen Teilnehmerzahl gelegen haben kann.

Kausalität zwischen Sport und Plaques nicht belegt

Fördert also lebenslanger Ausdauersport die Bildung von Koronar-Plaques? Das lässt sich aufgrund der vorliegenden Studien nicht sicher genug beantworten. Denn möglicherweise hatten die Sportler doch mehr Risikofaktoren, so dass die Plaque-Bildung keine Folge des jahrelangen Trainings war. Außerdem waren die männlichen Sportler älter als die Männer der Vergleichs-Gruppen (55,1 versus 52,5 Jahre). Der älteste Sportlern war 82 Jahre alt, der älteste Nicht-Sportler 71 Jahre. Allein diese Altersverteilung könne bereits einen Teil der unterschiedlichen Atherosklerose erklären, argumentiert Professor Axel Schmermund vom Cardioangiologischen Centrum Bethanien in Frankfurt am Main. Schließlich gebe es auch zu denken, dass die Sportlerinnen, die wiederum nicht älter gewesen seien als die Frauen der Vergleichs-Gruppe, eher weniger als mehr koronare Atherosklerose“ aufgewiesen hätten. Ähnliche Befunde hat eine aktuelle Studie mit 26 Langstrecken-Läuferinnen im Alter von 42 bis 82 Jahren geliefert, die zusammen über 1200 Marathon-Läufe (im Mittel 47) absolviert hatten. Es sollte, so Axel Schmermund,  zudem nicht vergessen werden, „dass es bislang keine belastbaren Daten gibt, die eine Kausalität von ‚too much of a good thing’ im Hinblick auf eine atherogene Wirkung zeigen“. Große Observationsstudien hätten bislang keine Hinweise auf einen kardiovaskulären Risikoanstieg selbst bei exzessivem Trainingsumfang ergeben. Außerdem fehlten so genannte „Outcome-Daten“ zu Sportlern mit abnormen Calcium-Score-Werten, schreiben auch Dr. Aaron Baggish (Massachusetts General Hospital) und Dr. Benjamin Levine (University of Texas Southwestern) in einem begleitenden Kommentar. 

Fazit: Angesichts der vielen belegten Vorteile von Bewegung und Sport für die Gesundheit sind die bislang vorliegenden Befunde zum Zusammenhang von Sport und Koronarplaques kaum ein Grund, sich Sorgen zu machen. Und schon gar keine ausreichende Begründung dafür, ein Sportmuffel zu bleiben oder zu werden. Im Gegenteil: Im Falle von Bewegung und Sport ist Übertreibung wahrscheinlich sogar besser als Untertreibung.