Pharmakotherapie auch bei moderater Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung empfohlen


  • Michael Simm
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaft

Mehr als 30 Fachgesellschaften und Berufsverbände haben eine Leitlinie der höchsten Qualitätsstufe vorgelegt, die detaillierte Empfehlungen zur Diagnostik und Therapie der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) enthält.

Hintergrund

In der neuen Leitlinie wird für die ADHS eine Prävalenz von 5 % bei Kindern und Jugendlichen und von 3 % bei Erwachsenen angegeben. Die macht sie zu einer der häufigsten psychischen Störungen. Außer den Kernsymptomen Aufmerksamkeitsstörung und / oder Impulsivität und Hyperaktivität ist die Krankheit auch mit zahlreichen funktionellen Beeinträchtigungen und einer reduzierten gesundheitsbezogenen Lebensqualität assoziiert, beispielsweise in der Schule, in der Ausbildung, im Beruf sowie in der Gemeinschaft.

Design

Leitlinie der höchsten Qualitätsstufe (S3), erstellt unter Federführung der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie e. V. (DGKJP), der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde e. V. (DGPPN) und der Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin e. V. (DGSPJ) mit Beteiligung von 28 weiteren Fach- und Berufsverbänden.

Hauptergebnisse

  • Die Richtlinie umfasst in der Langfassung 115 Seiten und beruft sich auf 121 Literaturstellen.
  • Eine Diagnostik auf ADHS hielten 100 % der Experten für sinnvoll bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit Entwicklungs-, Lern- / Leistungs- oder Verhaltensproblemen oder anderen psychischen Störungen und Hinweisen auf Beeinträchtigungen der Aufmerksamkeit und Konzentration oder auf erhöhte Unruhe oder Impulsivität (Empfehlungsgrad B).
  • Die Diagnostik soll entweder bei einem Facharzt erfolgen oder durch einen Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten, oder einen Psychologischen Psychotherapeuten (bei Kindern und Jugendlichen mit entsprechender Zusatzqualifikation). Die Diagnostik soll in einer umfassenden strukturierten Exploration des Patienten bestehen, inklusiver aktuelle und früherer Rahmenbedingungen in der Familie und Schule und am Arbeitsplatz.
  • Bei Kindern im Vorschulalter soll die Diagnose in der Regel nur bei sehr starker Ausprägung der Symptomatik gestellt werden.
  • Es gibt eine umfassende Liste differentialdiagnostisch abzugrenzender psychischer und somatischer Erkrankungen.
  • Die Experten verweisen auf die Häufigkeit koexistierender Störungen wie oppositionelles Trotzverhalten (bei Kindern) und andere Störungen des Sozialverhaltens, Tic- und Angststörungen, Substanzkonsum,
  • Bei der Therapie im Rahmen eines multimodalen therapeutischen Gesamtkonzeptes soll grundsätzlich eine umfassende Psychoedukation angeboten werden, bei Kindern unter 6 Jahren und generell bei leichtem Schweregrad primär psychosozial interveniert werden. Aufgewertet wurde der Stellenwert der Pharmakotherapie bei moderater ADHS. Sie einer intensivierten Psychotherapie gleichgestellt, auch die Kombination beider Verfahren ist möglich. Diesen Empfehlungen stimmten jedoch nur 76,9% der Experten zu.

Klinische Bedeutung

Bis dato gab es in Deutschland keine allgemeingültigen Richtlinien der Qualitätsstufe S3 zur ADHS. Die verfügbaren Therapieempfehlungen werden somit auf eine solidere Basis gestellt. Für Fachärzte und Psychotherapeuten bedeutet dies eine wertvolle Hilfestellung. Dass die öffentliche Diskussion zu mutmaßlichen Überdiagnosen und zu leichtfertiger medikamentöser Therapie dadurch rationaler wird, darf jedoch bezweifelt werden.

Finanzierung: durch die beteiligten Fachgesellschaften.