Phalanx gegen Infektionen: Warum guter Schlaf die Körperabwehr stärkt


  • Dr. Nicola Siegmund-Schultze
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Die Fähigkeit von T-Lymphozyten, auf das Eindringen eines potenziellen Pathogens in den Körper rasch reagieren zu können, ist unter anderem davon abhängig, dass sich T-Zellen an lymphoide und nicht-lymphoide Zellen anheften und in die Gewebe einwandern können. Lösliche, so genannte Gαs-Rezeptor-Agonisten hemmen Adhäsion und Migration und verhindern damit, dass T-Zellen „an den Ort des Geschehens“ gelangen und an infizierte Zellen andocken. Deutsche Forscher haben entdeckt, dass Adrenalin, Noradrenalin und Prostaglandine zu diesen Gαs-Rezeptor-Agonisten gehören (1). Die Hormone werden schon nach wenigen Stunden der Müdigkeit vermehrt gebildet und hemmen das Immunsystem.

Hintergrund

Schon in früheren Forschungsarbeiten sind kausale Zusammenhänge zwischen Erschöpfungszuständen und verminderter Immunabwehr gezeigt worden. Die genaueren zeitlichen Abläufe und die Biomoleküle, die involviert sind, sind aber nicht vollständig geklärt. Ein deutsches Forscherteam trägt mit klinischen Studien zu dieser Aufklärung bei (1).

Design

  • Teilnehmer: 10 gesunde Personen (5 weiblich) im Alter von 19 bis 34 Jahre (Durchschnitt: 24,7 Jahre)
  • Studiensetting: Es gab 2 Gruppen:
    • 5 Personen konnten im Labor von 23.00 Uhr abends bis 7.00 Uhr morgens schlafen,
    • die anderen 5 Personen wurden wach gehalten durch Musik und Gespräche
  • Nach 14 Tagen wechselten die Probanden die Gruppe
  • Laboruntersuchungen: über Dauerkatheter wurde in den Versuchsphasen regelmäßig Blut abgenommen und analysiert, außerdem Blutplasma

Hauptergebnisse

Die Adhäsionsfähigkeit von T-Zellen an andere Zellen, vermittelt über das Molekül ICAM-1 (intercellular adhesion molecule-1), war bei Probanden, die wach bleiben mussten, erheblich reduziert. Bereits 3 Stunden ohne Schlaf reichten aus, um die Adhäsionsfunktion der T-Zellen zu unterdrücken. Wurde Plasma von Probanden ohne Schlaf für wenige Minuten auf isolierte T-Zellen gegeben, so hatten diese T-Lymphozyten eine deutlich geringere Adhäsionsfähigkeit als bei der Inkubation mit Plasma von Probanden, die geschlafen hatten.

Diese Unterdrückung der T-Zellfunktion konnten die Forscher rückgängig machen: Sie blockierten so genannte Gαs-gekoppelte Rezeptoren. Außerdem konnten sie zeigen, dass einige der löslichen Moleküle, die an diese Rezeptorklasse binden, beispielsweise Adrenalin, Prostaglandine und der Botenstoff Adenosin, als Gαs-Rezeptor-Agonisten wirken und die Adhäsion stark beeinträchtigen. Die Konzentrationen von Adrenalin, Noradrenalin und Prostaglandine sind auch bei chronischem Stress oder Krebserkrankungen erhöht.

Klinische Bedeutung

Deutschland wird gelegentlich als „schlaflose Republik“ bezeichnet: Ebenso wie in vielen anderen industrialisierten westlichen Ländern bekommen viele Bundesbürger zu wenig guten Schlaf. Für Deutschland liegt die Prävalenz des Insomniesyndroms bei 5,7 % (2). Insomnie schließt neben schlechtem Schlaf auch Tagesmüdigkeit und chronische Erschöpfung ein. Der Anteil derer, die zumindest zeitweise schlecht schlafen, ist sehr viel höher: Circa ein Drittel der in der repräsentativen deutschen DEGS1-Studie Befragten hatte während der letzten 4 Wochen potenziell klinisch relevante Ein- oder Durchschlafstörungen, 20 % berichteten zusätzlich über schlechte Schlafqualität (2). Auch außerhalb der Schlafforschung haben die neuen Erkenntnisse über den Zusammenhang zwischen Erschöpfung und Immunabwehr klinische Relevanz, zum Beispiel für Patienten mit Malignomen.

Finanzierung: öffentliche Mittel