Pflege-Report der AOK: zu viele Einweisungen aus Heimen in Kliniken?

  • Dr. med. Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten
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Von Christian Beneker

Angehörige, Pflegende und vor allem die Sterbenden in Pflegeheimen selbst leiden unter der schlecht organisierten Pflege während der letzten Lebensmonate. Dies zeigen Zahlen des Pflege-Reports 2022 des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WidO). Danach wurden in den Jahren 2018 und 2019 mit 56% mehr als die Hälfte der Pflegeheim-Bewohnerinnen und -Bewohner in den letzten 12 Wochen ihres Lebens mindestens einmal ins Krankenhaus eingewiesen. „Im internationalen Vergleich sind diese Zahlen übrigens hoch“, betonte Dr. Antje Schwinger, Fachbereichsleiterin Pflege beim WidO, bei der Vorstellung der Zahlen.

Zu häufiger Ortswechsel in den letzten Lebenswochen

Zum Lebensende hin werden die Pflege-Bedürftigen immer häufiger ins Krankenhaus gebracht. Jeder 3. Pflegeheim-Bewohner war in seiner letzten Lebenswoche für mindestens einen Tag in stationärer Behandlung. Viele der alten Menschen reagieren verwirrt auf den Ortswechsel, oder ihr gesundheitlicher Status verschlechtert sich. Hinzu kommen Stürze, Komplikationen oder Infektionen.

Dabei wären diese anstrengenden Klinikaufenthalte vermeidbar, sagte Schwinger. Das zeigen die Behandlungsanlässe, die sogenannten Pflegeheim-sensitiven Krankenhausfälle (PSK). Kapp 10% (9,6%) betrafen Herzinsuffizienz, 4% Dehydration, 1,2% akute Bronchitis oder 1,1% Dekubitus. Diese Erkrankungen hätten auch gut im Pflegeheim behandelt werden können.

Offen sei die Frage, ob die betroffenen Sterbenden überhaupt in die Klinik eingewiesen werden wollten. Um dies zu ergründen, hat das WidO auch 550 Pflegende nach den Rahmenbedingungen ihrer Arbeit am Lebensende der Pflegepatienten befragt.

Das Ergebnis lasse aufhorchen, meint Schwinger: Die Pflegekräfte sehen eine zum Teil deutliche Diskrepanz zwischen Versorgungswunsch der Pflegebedürftigen und die Versorgungswirklichkeit in den Heimen. So wurden Pflegebedürftige in ein Krankenhaus eingewiesen, obwohl die Pflegenden fest überzeugt waren, dass dies nicht im besten Interesse der Bewohner gewesen sei, so die Pflegekräfte: Sieben Prozent geben an, dass sie dies wöchentlich und häufiger beobachten, jede 5. Befragte (21,1%) erlebt dies monatlich oder häufiger.

Ärztinnen und Ärzte ohne ethische Kompetenz?

„Die deutliche Mehrheit der Befragten beobachtet, dass sich auf Druck der Angehörigen das Behandlungsteam für belastende bzw. lebensverlängernde Behandlungen entschied, obwohl die Patientenverfügung ein anderes Vorgehen nahegelegt hätte“, erklärte Schwinger. „Knapp jeder Sechste (15,5%) nimmt dies sogar monatlich oder häufiger wahr.“ 

Zudem mangele es in vielen Pflegeheimen an der berufsübergreifenden Zusammenarbeit. So seien vor allem die Ärztinnen und Ärzte nicht schnell zu erreichen, kritisierten 62,3% der befragten Pflegenden. „Ein Fünftel (20,7%) attestiert zudem den Ärztinnen und Ärzten – jeder Siebte (14,5%) seinen eigenen Kollegen – häufig eine mangelnde ethische Kompetenz“, so Schwinger. Ein Drittel der Befragten vermisste bei den Ärztinnen und Ärzte die Bereitschaft, die sterbenden Bewohner palliativ zu behandeln. „Diese Antworten weisen auf das Fehlen einer gemeinsamen Sprache und eines berufsgruppenübergreifenden Verständnisses zum Umgang mit Sterbenden hin“, sagte die Fachbereichsleiterin..

Probleme auch bei den Patientenverfügungen: Zwar bestätigen viele Pflegende, dass bei neuen Bewohnern die Patientenverfügung abgefragt werde. Aber 44% der Pflegekräfte berichteten, dass die Patientenverfügungen nur selten oder nie aktualisiert würden.

Schließlich gaben die Pflegenden an, zu wenig Zeit und zu wenige Kolleginnen und Kollegen zu haben, um ihre Arbeit zu bewältigen. Für 37% führt der betriebliche, zeitliche oder finanzielle Druck dazu, dass sie wöchentlich oder häufiger nicht die Pflege ausführen können, die ihren eigenen (ethischen) Ansprüchen entspricht, so Schwinger. „Es verwundert vor dem Hintergrund dieser Ergebnisse nicht, dass die Pflegekräfte eine hohe Arbeitsbelastung angeben.“

Schluss mit dem Verschiebebahnhof

Pflegeverbände kommentierten den Bericht kritisch, zum Beispiel Verena Bentele, Präsidentin des Sozialverbandes Deutschland (VdK). Sie forderte, ein Versorgungsnetzwerk zu schaffen aus niedergelassenen Ärzten, Pflegediensten und -einrichtungen. „Alle müssen zusammenarbeiten, damit der unwürdige Verschiebebahnhof zwischen Pflegeheim und Krankenhaus am Lebensende endlich gestoppt wird“, so Bentele. Es könne nicht sein, dass die Pflegenden einen Notarzt holen, der die Bewohner einweist, weil ein Hausarzt nicht erreichbar ist. 

„Individuelle Versorgungspläne sind kein Ersatz für eine umfassende Hospiz- und Palliativbegleitung in den 12.000 Pflegeheimen“, betonte indessen Eugen Brysch, Vorstand der der Deutschen Stiftung Patientenschutz. „Weil zusätzliches Personal und praktische Unterstützung fehlen, werden viele der Bewohner am Ende des Lebens zwischen Heim und Klinik hin- und hergeschoben. Dieser Verschiebebahnhof trifft einen Großteil der sterbenden Pflegebedürftigen in den Einrichtungen.“

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach müsse „endlich das Leiden dieser Menschen zu seiner Sache machen“ und das Zwei-Klassen-Sterben beenden, so Brysch. „Es ist zutiefst ungerecht, dass die Sozialkassen für die jährlich knapp 34.000 Hospiz-Patienten monatlich 13.000 Euro zur Verfügung stellen und für die 300.000 sterbenden Pflegeheimbewohner im Jahr 1800 Euro monatlich.“ Thomas Greiner dagegen, Präsident des Arbeitgeberverbandes Pflege (AGVP), warnte vor „Alarmismus“. Es gebe für das sensible Thema der WidO-Untersuchung in den Pflegeheimen keine perfekte Lösung, sagte Greiner zu Medscape.

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf Medscape.de.