Patientenwille und Patientenverfügung gewinnen zunehmend an Bedeutung


  • Dr. med. Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaften

Bei 70 Prozent der Todesfälle auf einer Intensivstation geht ein Behandlungsverzicht oder eine Therapielimitierung voran. Dabei kommt dem Patientenwillen eine wachsende Bedeutung zu; eine wichtige Rolle spielen dabei Patientenverfügungen, wie die Deutsche Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN) im Vorfeld ihrer Jahrestagung in Berlin (12. - 14. Juni) betont. 

Patientenwille die Basis der Entscheidungen 

Rund jeder achte Todesfall in Deutschland ereignet sich auf einer Intensivstation, und meist kommt der Tod dort nicht plötzlich oder überraschend. „In vielen Fällen geht dem Sterben auf der Intensivstation ein Behandlungsverzicht voran – lebenserhaltende Maßnahmen werden also bewusst beendet, begrenzt oder gar nicht erst begonnen“, sagt Professor Uwe Janssens, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin und Internistische Intensivmedizin am St. Antonius-Hospital Eschweiler und Generalsekretär der DGIIN.

Alle intensivmedizinischen Entscheidungen basieren auf dem Patientenwillen, der jeweils individuell ermittelt werden muss. Im Idealfall ist der Patient selbst noch in der Lage, in eine Behandlung einzuwilligen oder sie abzulehnen. Ist dies nicht der Fall, kommt der Patientenverfügung eine wichtige Rolle zu. Am besten liegt sie als individuell ausformuliertes Dokument vor, das möglichst viele Behandlungssituationen abdeckt. Weit weniger aussagekräftig sind vorgefertigte Formulare aus dem Internet, die nur angekreuzt werden müssen. „Hier besteht die Gefahr, dass dem Patienten nicht alle Konsequenzen seiner Wünsche wirklich bewusst sind“, betont Janssens. 

Patientenverfügung sollte vorliegen

Doch selbst eine individuelle und ausführliche Verfügung lasse sich nicht immer auf die aktuelle Situation anwenden – zu vielfältig seien die gesundheitlichen Voraussetzungen und die sich daraus ergebenden intensivmedizinischen Möglichkeiten. „Bei der Erstellung einer Patientenverfügung ist es sinnvoll, sich vom Arzt oder anderen fachkundigen Personen beraten zu lassen. Auch wenn eine Patientenverfügung nicht alle möglichen Behandlungsfälle abdecken kann, sollte sie dennoch vorliegen, da sie eine wichtige Grundlage für die Ermittlung des Patientenwillens bietet“, sagt Janssens.

Patientenwille kein "starres Konstrukt"

Liegt keine Patientenverfügung vor und ist der Patient selbst nicht mehr entscheidungsfähig, wird ein Bevollmächtigter oder Betreuer in die Entscheidungsfindung mit einbezogen. Diese können vorher vom Patienten für solche Fälle bestimmt werden. Wurde dieser Fall nicht geregelt, muss eine Betreuung beantragt werden. Auch Gespräche mit den Angehörigen können Aufschluss über den mutmaßlichen Patientenwillen geben. Der Patientenwille ist dabei nicht als starr anzusehen, sondern muss immer neu auf die aktuelle medizinische Situation bezogen werden – die medizinische Situation bildet neben der Patientenverfügung die zweite wichtige Entscheidungsgrundlage.

Mehr Aufklärung sinnvoll

Über die Bedeutung der Patientenverfügung müsse außerdem noch mehr aufgeklärt werden, sagen Intensivmediziner. Nur jeder zweite Intensivpatient in Deutschland verfügt über eine Vorsorgevollmacht oder eine Patientenverfügung, so dass Ergebnis einer Untersuchung des Uniklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) unter der Leitung von Professor Stefan Kluge (Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI). „Damit können wir Ärzte viele Patienten weder juristisch abgesichert noch zweifelsfrei in ihrem Sinne behandeln“, so der Direktor der UKE-Klinik für Intensivmedizin 2017 in einer Mitteilung der DIVI. Nur 51 Prozent von 998 befragten Patienten auf elf Intensivstationen verfügten über eine Vorsorgevollmacht oder eine Patientenverfügung. Überraschend auch: 39 Prozent der Befragten ohne Dokument hatten sich noch nie Gedanken über dieses Thema gemacht.  Ein weiteres Problem offenbarte zuvor eine andere Umfrage: Wenn’s drauf ankommt, liegt die Patientenverfügung zuhause: Nur rund drei Prozent von knapp 500 befragten Patienten hätten eine Patientenverfügung bei sich gehabt, berichteten Ärzte der Universität Bochum.