Patienten mit Muskelkrämpfen und Therapieversuche mit einem Antikonvulsivum

  • Der Nervenarzt

  • von Dr. med. Thomas Kron
  • Fall der Woche
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Kernbotschaften 

Das Antiepileptikum Brivaracetam ist möglicherweise eine Therapie-Option bei Muskelkrämpfen. Diese Hypothese leiten Schweizer Neurologen aus einer kleinen Fallserie ab, aus der hier die Krankengeschichten von zwei Patienten vorgestellt werden. Den Autoren zufolge müssten ihre positiven Erfahrungen mit diesem Wirkstoff bei Muskelkrämpfen selbstverständlich in klinischen Studien geprüft werden. 

Ein Patient mit Muskelkrämpfen und neuropathischen Schmerzen

Bei dem Patienten handelte es sich um einen 72-jährigen Mann, der vom Hausarzt aufgrund von Muskelkrämpfen der Hände, Waden und Fußmuskeln in die neuromuskuläre Sprechstunde der Schweizer Neurologen zugewiesen wurde. Er war ihren Angaben zufolge mit Magnesium und Chininsulfat behandelt worden. Nach Einnahme von Chinin hätten die Krämpfe etwas abgenommen, allerdings sei ein beidseitiger Tinnitus aufgetreten. Laut Dr. Katharina Kneppe (Spital Linth, Uznach) und Dr. David Czell (Spital Linth und Spital Männedorf) berichtete der Mann über generalisierte Krämpfe und neuropathische Schmerzen. 

Die Befunde 

  • Ataktisches, breitbasiges Gangbild, eine Pallanästhesie malleolar und Pallhypästhesie patellar. 
  • Arm-Reflexe schwach, Bein-Reflexe (PSR und ASR) nicht auslösbar. 
  • Keine Paresen
  • Elektrophysiologischer Befund: axonale Polyneuropathie bei Diabetes mellitus Typ 2 sowie Chemotherapie (5-Fluorouracil, Folinsäure, Oxaliplatin, Irinotecan) bei metastasiertem Dickdarmkarzinom mit Blaseninfiltration. 

Die Therapie

Der Patient erhielt Brivaracetam (initial 50 mg, dann 100 mg abends). Darunter hätten Häufigkeit und Stärke der Muskelkrämpfe schon nach drei Tagen „deutlich“ abgenommen. In den folgenden Wochen seien die Krämpfe fast verschwunden. 

Ein Patient mit Krämpfen auch der Rückenmuskulatur

Bei dem zweiten Patienten, dessen Krankengeschichte Kneppe und Czell schildern, handelte es sich um einen 63-jährigen Mann mit Muskelkrämpfen in der Waden- und Fußmuskulatur seit 1,5 Jahren. Die Krämpfe hätten sich zusätzlich auf die Rückenmuskulatur ausgebreitet und von dort nach ventral ausgestrahlt. Eine Magnesium-Therapie habe nicht geholfen. 

Die Befunde

  • Keine Paresen und keine Angabe von Sensibilitätsstörungen
  • Arm-Reflexe mittellebhaft, Bein-Reflexe schwach auslösbar. 
  • MRT-Befund: lumbale Spinalkanalstenose auf Höhe LWK 5/SWK1 und Radikulopathie der L3 beidseits.

Die Therapie

Der Patient erhielt Brivaracetam in einer Dosierung von 50 mg. Bereits zwei Tage nach Behandlungs-Beginn hätten Häufigkeit und Intensität der Muskelkrämpfe abgenommen. Innerhalb von weiteren zwei Wochen seien sie völlig verschwunden. Nebenwirkungen seien nicht aufgetreten. 

Diskussion

Muskelkrämpfe sind, wie die beiden Autoren erläutern, spontane, unwillkürliche, meist schmerzhafte Kontraktionen eines Muskels, selten einer Muskelgruppe. Das Auftreten idiopathischer Muskelkrämpfe (Krämpfe ohne eine zugrunde liegende neuromuskuläre Erkrankung) hänge vom Alter ab. In einer Querschnittsstudie mit Patienten ab 65 Jahren im Vereinigten Königreich hätten 50 % der ambulanten Patienten über häufige Krämpfe. Ein ähnliches Resultat habe auch beine andere Daten-Auswertung gehabt.

Verursacht werden Muskelkrämpfe den Autoren zufolge durch neuromuskuläre Erkrankungen oder physiologischen Stress wie übermäßige Bewegung oder Dehydratation verursacht. Darüber hinaus könnten sie bei unterschiedlichen internistischen Erkrankungen, etwa Hypothyreose und Nieren- oder Leberfunktionsstörungen auftreten. Am häufigsten betroffen seien Unterschenkel- und Fußmuskulatur

Allein die Vielzahl der bei Muskelkrämpfen eingesetzten Wirkstoffe weist schon daraufhin, wie schwierig die Therapie ist. Zu den verwendeten Substanzen zählen etwa Baclofen, Clonazepam und Gabapentin sowie Magnesium und Chininsulfat. Das wirksamste Mittel sei Chininsulfat, das allerdings schwere Nebenwirkungen haben könne. Gut wirksam seien randomisierten Studien zufolge auch Tetrahydrocannabinoid und Levetiracetam. Mit Brivaracetam könnte das Behandlungsspektrum erweitert werden, so Kneppe und Czell. 

Die Idee zum Einsatz von Brivaracetam sei ihnen gekommen, da sie bei Muskelkrämpfen bereits gute Erfahrungen mit dem chemisch verwandten Levetiracetam gesammelt hätten. Allerdings sei es oft zu den aus der antiepileptischen Therapie bekannten Nebenwirkungen gekommen (Müdigkeit, Reizbarkeit, Nervosität), die unter Brivaracetam seltener seien.

Wie die Autoren weiter berichten, ist Brivaracetam bei ihren Patienten weiterhin wirksam, was gegen einen Placeboeffekt spreche. Außerdem seien positive Erfahrungen mit dem Wirkstoff inzwischen auch bei weiteren Patienten mit Brivaracetam gemacht worden. Gleichwohl seien Studien erforderlich, um die Wirkung von Brivaracetam und Levetiracetam auf Muskelkrämpfe nachzuweisen, betonen die Schweizer Neurologen.

Katharina Kneppe und David Czell geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht. Insbesondere gebe es keine finanzielle Unterstützung vom Hersteller (UCB-Pharma SA).