Pädophilie als Sexualisierung der Brutpflege?


  • Susanne Kressenstein
  • Medizinische Nachrichten
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Während sich die Wissenschaft auf der Suche nach den Ursachen von Pädophilie bislang in erster Linie auf die Bereiche im Gehirn konzentrierte, die mit dem Sexualverhalten zusammenhängen, gehen Forscher der Universität Kiel einen anderen Weg. Sie konzentrierten sich auf jenen Bereich des neuronalen Netzwerks, der dafür zuständig ist, dass Eltern sich um ihren Nachwuchs kümmern.

Das Gehirn von pädophilen Männern reagiert stärker auf das Kindchenschema als das anderer Männer. Damit sind die bei Kindern und bei Jungtieren vorkommenden kindlichen Proportionen gemeint. Eltern erkennen durch diese Merkmale die Hilfsbedürftigkeit ihres Nachwuchses und werden zum Schutz- und Pflegeverhalten animiert, welches im Folgenden als Brutpflegeverhalten bezeichnet wird.

Die Forscher aus Kiel vermuten, dass eventuell ein fehlgeleiteter „Fütterungstrieb“ mit der sexuellen Störung zu tun haben könnte. In einer vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Studie wurde jetzt erstmals eine Störung des Brutpflegesystems im Gehirn als möglicher Erklärungsansatz identifiziert.

Dazu wurde mittels Magnetresonanztomographie das Gehirn von insgesamt 115 Männern untersucht. 60 dieser Männer waren wegen pädophiler Neigungen in psychologischer Behandlung. 33 Männer war an Mädchen interessiert, die übrigen 27 an Jungen oder beiden Geschlechtern. Die Kontrollgruppe wurde deswegen ähnlich proportioniert und aus rund 60 Prozent heterosexuellen und rund 40 Prozent homo- oder bisexuellen Männern zusammengesetzt.

Gezeigt wurden den Teilnehmern jedoch keine Kinderbilder, sondern Fotos von Tieren und zwar zum einen von Tierkinder wie putzigen Katzenbabys und Hundewelpen, zum anderen Bilder von erwachsenen Tieren als Kontrolle. In dieser Versuchsanordnung wurden bewusst keine Bilder mit Menschen ausgewählt, um eine etwaige Vermischung von fürsorglichen und sexuellen Reaktionen zu verhindern.

Die subjektive Wahrnehmung auf diese Bilder unterschied sich zwischen den Männern beider Gruppen nicht. Bei der Auswertung der MRT-Bilder zeigte sich jedoch, dass beim Anblick der Tierkinder bestimmte Regionen im Gehirn der pädophilen Teilnehmer stärker aktiviert wurden als bei den Teilnehmern der nichtpädophilen Kontrollgruppe. Diese Bereiche, nämlich Teile des motorischen Kortex, des dorsolateralen präfrontalen Kortex und des vorderen Inselkortexes, sind Teil des neuronalen Netzwerks, das für das Brutpflegeverhalten zuständig ist. Bei dem vorderen Inselkortex handelt es sich genau um den Bereich des Gehirns, der beispielsweise dann aktiv wird, wenn Mütter ihre Babys ansehen.

Daraus folgern die Autoren der Studie, dass die Entstehung von Pädophilie eventuell mit einer Störung im Brutpflegesystems in Verbindung stehen könnte. So könnte das Kindchenschema bei pädophilen Männern möglicherweise zu sexuellen Reaktionen führen. Die Autoren sprechen hier von einer möglichen „Sexualisierung der Brutpflege“.

In weiteren Versuchsansätzen wollen die Kieler herausfinden, ob sich diese Reaktionen auf das Kindchenschema durch Hormone möglicherweise verändern und damit eine Therapie von Pädophilie in die Nähe rücken lassen. Als Vorbild dient hier der Hormonspiegel von Frauen in den Wechseljahren. Diese hormonellen Veränderungen bewirken, dass Frauen in diesem Alter weniger stark auf das Kindchenschema reagieren und damit der Brutpflegereflex nachlässt.